Die neue Arbeit auf "Santa Louisa" und "Doña Grete” duldete keinen Aufschub. Beide Betriebe mussten laut Gesetz unabhängig voneinander bearbeitet werden, da ja kein Betrieb über 200 ha in Chile existieren sollte. Andernfalls hätte auch die Gefahr einer erneuten Enteignung bestanden. Die interne Grenze zwischen beiden Betrieben wurde mit einem verstärkten Stacheldrahtzaun kenntlich gemacht. Wir tauften dieses Werk spöttisch "Berliner Mauer". Das Inventar wurde geteilt, die Mitarbeiter bekamen neue Arbeitsverträge, zwei getrennte Buchhaltungen entstanden und Don Carlos wurde Bevollmächtigter von Betrieb “ B" mit Schwerpunkt Milchwirtschaft. Ich blieb auf Betrieb "A", der als Mastbetrieb geführt werden sollte. So verdoppelte sich die unproduktive Arbeit, dessen unsichtbarer Kopf ich weiterhin bleiben musste.
Da wir die Hälfte des Grünlandes verloren hatten, fehlte es uns nun an Futterfläche für das Vieh. Wir schlossen einen Vertrag “a media” mit dem neuen Staatsbetrieb unter Führung von Kollege M. D. ab. Unsere überzähligen Milchkühe, bzw. Mastbullen wurden auf die Weiden des Staatsbetriebes getrieben. Der Zugewinn, sei es pro Liter Milch oder Kilogramm Fleisch, wurde zu je 50 % geteilt. Die Tiere selbst blieben aber weiterhin im Eigentum der Restgüter A und B. Damit konnte ich erneut dem Staatsbetrieb behilflich sein und brauchte unser Vieh nicht zu den damaligen Schleuderpreisen zu verkaufen. Diese Geste brachte wieder Pluspunkte für mich, denn ich wollte so lange wie möglich das kommunistische System überstehen.
Einige gute Mitarbeiter, vor allem den verläßlichen Viehhirten, hatten wir verloren. Bisher war die Strategie “Kleine Opfer müssen erbracht werden, verliere aber nicht das Ganze aus den Augen” gut aufgegangen. Mitte August waren Frau Schickedanz und Herr Dedi zur Industrieausstellung nach Sao Paulo geladen. Am 12. August fuhr ich zur Berichterstattung über die letzten Ereignisse nach Brasilien, bekam aber gleich den Auftrag, als erstes das Gebiet um Curitiba (europäische Zone von Brasilien) zu erkunden. Dabei sollte ich nach zum Verkauf stehenden Gütern Ausschau halten. Tage darauf trafen wir uns dann auf der Ausstellung und konnten uns ausführlich über Vergangenheit und Zukunft unterhalten. Zusammen bereisten wir dann die Gegend von Sao Paulo, Sao Carlos; Provinz Catarina und Blumenau, wo auch eine Textilfabrik für Quelleartikel besichtigt wurde. Dann ging es weiter bis Rio Grande del Sur. Die vielen Kilometer wurden per Flugzeug oder bereitgestelltem Auto zurückgelegt. Immer wurde Ausschau nach geeigneten Haciendas gehalten, einige Betriebe wurden auch besichtigt. Der Kommentar von Frau Schickedanz: "Herr Schirmer, es ist vieles schön, aber es ist eben nicht unser "La Poza". Ich spürte deutlich, wie sehr meine Chefin an dem Fundo in Chile hing. Eine Stunde vor Ankunft in Blumenau merkte ich, dass meine Chefin im Auto immer unruhiger wurde. Fuhr der Fahrer zu schnell, oder was bedrückte die Dame? Auf meine Frage bekam ich zur Antwort: "Ich muss zur Toilette, das können Sie nicht für mich erledigen." Wir fuhren bis zur Textilfabrik in Blumenau, wo uns ein großer Bahnhof erwartete. Ich sauste los und fand eine Toilette. Auf meine Worte, das Örtchen gefunden zu haben, bekam ich zur Antwort: “Was denken Sie denn! Ich bin doch bei der Musterung der einzukaufenden Waren, da muss die Toilette schon warten.” Dies war charakteristisch für Frau Schickedanz. Sie verlangte viel, war aber immer bereit, als erste alles von sich zu geben.
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