Schon die Einfahrt zur Grenzkontrolle zeigte uns den wirklichen, unpersönlichen Kommunismus. Grenzsoldaten mit versteinerten, undurchsichtigen Gesichtern gaben unfreundlich ihre Befehle: “Ausweise am Schalter abgeben.” Pancho übergab seinen chilenischen Diplomatenpass, Dorlis und ich unsere deutschen Pässe. Dann begann die Durchsicht unseres Autos.
Eine Illustrierte von Pancho mit englischem Text wurde ohne Worte beschlagnahmt. Außerdem weigerte sich mein Gast, die erhobene Einreisesteuer in Devisen zu zahlen. Am Gesicht meines Freundes merkte ich ein Gewitter heranziehen. Seine auf englisch gesprochenen Worte: "Ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen, der einem chilenischen Diplomaten diese unwürdige Behandlung erklären kann." hatten Erfolg. Nach dem Erscheinen eines Offiziers fuhr Pancho in dessen Gegenwart fort: "Sie wollen eine Einreisesteuer in einer kapitalistischen Währung und verschmähen das Geld Ihrer sozialistischen Bruderrepublik Chile? Außerdem wird mir ohne Erklärung eine Zeitschrift abgenommen. Als Diplomat Chiles protestiere ich aufs Schärfste."
Der junge Leutnant wusste wohl selber nicht, wie er sich verhalten sollte. Ich bezahlte die Einreisesteuer von mir aus und wollte damit die unangenehme Situation schlichten, was mir nach weiterem Wortwechsel ein wenig gelang. Die Pässe wurden abgestempelt zurückgegeben und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Der Leutnant winkte uns durch, ermahnte uns aber die Transitstrecke nicht gesetzwidrig zu verlassen.
Als wir wieder alleine waren erklärte ich Pancho: „ Jetzt siehst Du, wie es im wirklichen Kommunismus-Sozialismus zugeht. An aller erster Stelle steht die Meinung und Denkart der Regierung. Ein freundliches Miteinander bleibt dabei leicht auf der Strecke. Jetzt wirst Du den Unterschied zwischen der deutschen und der chilenischen Kultur kennen lernen.”
Unterwegs hielten wir kurz auf einem Rastplatz an, um frische Luft zu schnappen. Es dauerte nicht lange, bis ein Streifenwagen in absehbarem Abstand hinter uns stand. "Wir waren aufgefallen". Die nächste Kontrolle beim Verlassen der Transitstraße nach Westberlin erfolgte spürbar entspannter. Trotzdem konnte Freund Pancho sich nicht bremsen, den englisch sprechenden Grenzsoldaten wieder zu sticheln: "Wir werden in den nächsten Tagen Ihre Hauptstadt Berlin besuchen, welche deutschen Kulturdenkmäler können Sie mir empfehlen?“ Die Antwort: “ Das Denkmal unserer Befreiung vom Faschismus mit der Empore des russischen Freiheitspanzers. Interessant für Sie als Diplomat ist sicher der Besuch eines H.O.- Ladens. Dort können sie alle Produkte unserer Republik kaufen.“ Die Erwiderung meines Freundes: “ Das interessiert mich wenig. Ich meine Kulturdenkmäler, die Ihnen Schiller, Goethe oder Beethoven hinterlassen haben! Scheinbar hat Ihre Republik davon nichts und beginnt wohl erst 1945?” Die Pässe kamen zurück und die für Dorlis und mich unangenehme Situation schien gerettet. So glaubten wir!
Im Hotel Kempinski war scheinbar unser Besuch angekündigt. Die Empfangsdame riet uns, den Verzehr im Hotel nie bar zu zahlen. Das Sekretariat Schickedanz hatte Anweisung gegeben, die Rechnungen für unseren Aufenthalt an die Firma zu schicken. Nach einer kurzen Verschnaufpause wurden wir alle vom Leiter der Quelle-Niederlassung Berlin zum Abendessen im westberliner Funkturm abgeholt. Anschließend stand noch der Besuch eines Nachtclubs auf dem Programm. Da der Niederlassungsleiter und seine Frau perfekt englisch sprachen, wurde ich vom Stress der Übersetzungen befreit. Es wurde ein gelungener Abend. Pancho und Marily legten im Club bei flotter Musik südamerikanische Tänze auf das Parkett. Zum Schluss waren sie die einzigen Tänzer, umringt von applaudierenden Gästen.
Der nächste Tag begann morgens im luxuriösen Schwimmbad mit einem Sektfrühstück, gefolgt von einem Bummel durch die Quelle-Kaufhäuser. Der nächste Programmpunkt sollte eine Bustour durch Ostberlin werden. Nach Eintragung unserer Passnummern machte uns der Veranstalter darauf aufmerksam, dass Dorlis und mir die Durchfahrt durch den Checkpoint Charlie verwehrt war. Dieser Grenzübergang war nur für Ausländer gedacht. Ich als Kulturzwitter kam auf die glorreiche Idee, meinen costaricanischen Diplomatenpass zu benutzten. Da auch Dorlis in diesem Dokument eingetragen war, sollte es keine Probleme geben. Damit wollte ich meine Freunde aus Chile beim Besuch Ost-Berlins vor weiteren Zwistigkeiten bewahren. Auch der Veranstalter akzeptierte diese Lösung nach Vorlage meines Passes. Früh am Morgen des nächsten Tages begann die Reise. Vielleicht hätte sie die letzte unseres Lebens werden können!
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