Ich erinnerte mich an eine Begebenheit während des letzten Besuches bei meiner Mutter: "Wie ist so etwas möglich, daß die Müllabfuhr sich um einen Tag verspätet!" Eine Welt schien bei ihr zusammen zu brechen, wegen solch einer Unwichtigkeit. Am liebsten hätte ich geantwortet: “Ihr habt vielleicht Probleme, liebe Mutter. Steck einmal die Nase in die Fremde, dann würdest Du Dich selbst belachen wegen dieser Sorgen!"
Solche und ähnliche Beispiele brachten bei mir viele Zweifel über meine Landsleute, aber auch über mich selbst. In Chile bin ich später mit Freude die 1.000 Kilometer nach Santiago gefahren, um gute Freunde dort abzuholen. Auch ich musste die damit verlorene Arbeitszeit später nachholen. Sind das Unterschiede, die in den verschiedenen Kulturkreisen begründet liegen?
Unsere Freunde Hans und Waltraut in Luhmühlen wurden unsere verständnisvollen Diskussionspartner. Wir versuchten unser bisheriges Leben in Chile mit dem zukünftigen Leben in Deutschland zu vergleichen. Ein Neubeginn in der Heimat war ja unser jahrelanges Streben gewesen. Dabei merkten wir, dass unsere Zweifel größer wurden. Waren wir anders geworden? Oder galt für uns der Spruch "Einige Menschen sehnen sich immer nach dem, was sie im Moment nicht haben" Auch Dorlis hörte gern auf ihre immer besonnene Freundin aus der Schulzeit. Vieles wurde noch während unserer Gespräche beleuchtet, doch zum Schluss kamen wir zu einem salomonischen Urteil. Bis jetzt hatten wir trotz der oft wechselnden Situationen in unserem Leben im richtigen Moment immer das Richtige gemacht, also weiter so. Mit einer erneuten Portion Vertrauen ausgestattet, ging es zum ausgemachten Datum zurück nach Fürth.
Zuerst trafen wir uns mit Herrn Dedi und später mit Herrn und Frau Schickedanz. Einiges wurde beleuchtet und ich merkte, hier in der Firma würde ich einer unter Vielen werden. Aber das war in einem derartigen Großbetrieb nicht anders zu erwarten. Frau Schickedanz konnte wohl meine Gedanken lesen: "Ich glaube, Herr und Frau Schirmer, Sie gehen wohl doch am besten für mich nach Spanien. Dort werden Sie sich wohler fühlen und die Denkweise der Menschen dort wird ihnen artverwandter sein. Ein gewisser Einzelgänger im Beruf sind Sie ja. Und die Führung von Menschen in einer von uns fremden Denkweise hat Ihnen ja immer gelegen."
Dr. Schickedanz kam dann noch einmal auf die Idee zu sprechen, eine Reihe von landwirtschaftlichen Gütern in aller Welt aufzubauen und zu beaufsichtigen. Dieser Vorschlag stieß bei uns auf wenig Gegenliebe. Inzwischen war ich 45 Jahre alt und wir sehnten uns danach, endlich ein Lebenszentrum für uns und die Kinder zu haben. Frau Schickedanz beendete die Diskussion: "Spanien gehört zu meinem Privatbesitz und Sie werden die dortigen Unregelmäßigkeiten schon in die Hand bekommen. Setzen Sie sich heute und morgen hier mit dem Leiter der "Gartenquelle" in Verbindung und in 14 Tagen sehen wir uns dann in Spanien wieder, da ich dort des öfteren die Wochenenden verbringe." Die Entscheidung war gefallen.
Herr Dedi, zu der Zeit noch Personalchef, war mit der Entscheidung einverstanden. Meine Bezüge wurden nicht geändert und auch der auf Chile bezogene Arbeitsvertrag wurde beibehalten. Die noch verbleibende Zeit bis zu unserer Abreise nach Spanien verlief mit Gesprächen in der Gartenquelle. Den leitenden Herren kannte ich von früheren Begegnungen. Die Struktur dieser Abteilung der Quelle mit Produktionsbetrieben, Vertrieb, Finanzen usw. war mit La Poza in Chile gar nicht zu vergleichen. Hier war irgendwie alles miteinander verzahnt und ich wurde den jeweiligen Abteilungsleitern vorgestellt. Zum Abschluss kamen wir auch auf "Jardines Tarraquo" (der Name der Großgärtnerei in Spanien) zu sprechen. Diese sei auch der Gartenquelle unterstellt informierte man mich und man müsse nun über die diesbezüglichen Aufgaben und Pflichten einschließlich Arbeitsvertrag und Bezüge mit mir sprechen. Das weitere Gespräch blieb wohl im Rahmen, aber die Geister schieden sich. "Ich bin weiterhin Bevollmächtigter der Familie Schickedanz in Chile und komme jetzt als Vertrauter von Frau Schickedanz zur Gärtnerei nach Spanien. Das diese Großgärtnerei zu Ihrem Arbeitsbereich gehört ist eine Sache, aber sie sind nicht mein Vorgesetzter und mein Auftrag für Spanien ist mir von unserer Chefin klar angewiesen worden",legte ich meinen Standpunkt klar. Das war eine kleine Kriegserklärung und so sollte es dann auch in der Zukunft bleiben.