Einen weiteren Tag verbrachte ich noch mit Pancho und Marily, deren ältester Sohn vor kurzem zum katholischen Priester geweiht worden war. Per Zug ging es dann weiter nach Osorno, dort hatte ich niemanden von meiner Ankunft verständigt. Viele Bekannte freuten sich, mich so schnell wieder zu sehen. Auf dem Fundo La Poza wurde ich mit einer Mischung aus Erstaunen und Erleichterung empfangen. Die Zeit nutzte ich, um mich auf dem Grundstücks- und Viehmarkt umzusehen. Einigen zum Verkauf stehenden Betrieben schenkte ich besondere Aufmerksamkeit. In den Gesprächen und in meinem Inneren tauchte die Frage auf: “Was wäre wenn.......?” Interessante Angebote wurden unterbreitet. Auf meine Fragen nach der jüngsten Vergangenheit erhielt ich unterschiedliche Aussagen. Ausschreitungen unterschiedlicher Art hatte es wohl auf beiden Seiten gegeben. Bei den Allendeanhängern kamen die Übergriffe auf Anordnungen von Parteiideologen, auf Seiten der Militärs gab es auch viele unbekannte Übeltäter, die eine gewisse Selbstjustiz ausgeübt hatten.
Am 6. Dezember rief mich ein Telegramm nach Spanien zurück. Die Zeit in Chile genügte mir, einen erneuten Überblick über das Land zu gewinnen. Es gab wieder eine Zukunft. Aber galt das auch für mich oder besser gesagt für unsere Familie? Meine Gedanken behielt ich für mich.
Auf meiner Arbeitsstelle "Jardines Tarraquo" nahm ich einige Umstellungen vor, die Frau Schickedanz mit angeregt hatte. Ein Produktionsleiter, von Beruf Diplomgärtner, aus Deutschland wurde eingestellt. Durch einen längeren beruflichen Aufenthalt im Ausland sprach auch seine Frau ein fast perfektes Spanisch. Die finanziellen Belange des Betriebes wurden weiterhin von einem Spanier, der jahrelang in der Einkaufsabteilung der Quelle in Deutschland gearbeitet hatte, ausgeführt. Durch die Neustrukturierung des Betriebes wurden wir unabhängig von der Gartenquelle. Dadurch begann der Betrieb sich auch wirtschaftlich immer besser zu entwickeln.
Auch unsere Familie wurde zufriedener, bis auf die Trennung während der Woche, an die wir uns nicht gewöhnen konnten. Wir genossen es, schnell einmal an einem verlängerten Wochenende nach Deutschland zu fahren. In Salzderhelden wohnte die Oma bei Tochter Christine und Schwiegersohn Klaus. Sie hatten sich ein schönes Haus am Hang des Leinetals gebaut. Weihnachten rückte näher, wir blieben aber in Spanien, um am Strand der nasskalten, winterlichen Witterung in Deutschland auszuweichen. In Fürth war ich nach der Chilefahrt noch nicht gewesen, hatte aber Herrn Dedi in einem längeren Telefongespräch über die Lage unterrichtet.
Am 22.12.1973 klingelte frühmorgens das Telefon. Frau Niederle meldete sich einmal wieder und anscheinend begann der gewohnte Privatplausch. Aber schon nach Sekunden sagte sie schnell: “Herr Schirmer, der oberste Chef will Sie sprechen, ich verbinde.....”
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