Zur Jahresmitte 1972 wurden wir von unserem Nachbarn M. M. zum fünfzigsten Geburtstag eingeladen. Es wurde ein Fest der Feste mit einem gewissen Galgenhumor.
Wir waren uns wohl über den “Tod” unserer Betriebe im klaren, was fehlte war eigentlich nur das genaue Datum. So trafen sich dort ungefähr 150 Ehepaare und feierten "Abschied von der Vergangenheit". Die letzten Gäste gingen wohl gegen Mittag des folgenden Tages. Nur bei der Rede auf das Geburtstagskind wurde die gegenwärtige Situation erwähnt und dann nie wieder. Es war wohl im Nachhinein eine Nacht, die man nie vergessen wird.
Im Juli / August 1972 war es dann soweit. Für Einige von uns kam dieser Moment früher, für Andere später. Wir waren unter den Letzten. In der Tageszeitung las man dann das Urteil über die Tagung des Revolutionsrates. Der offizielle Bescheid wurde im "Diario Oficial”, dem Gesetzesblatt des Staates, am Wochenende veröffentlicht.
Dieser Rat spottete jeglicher Demokratie und setzte sich aus Leuten verschiedener Tätigkeiten, aber nur einer Ideologie zusammen. Durch die Veröffentlichungen der Enteignungen im Gesetzesblatt bekam der Vorgang speziell für die ausländische Presse wieder einen demokratischen Mantel, denn das Agrarreformgesetz war ja auch durch Senatsbeschluß mit Mehrheit verabschiedet worden.
Die hiesigen Genossen hatten von ihren Gesinnungsbrüdern der DDR einiges übernommen, aber es doch geschickter angewandt. So wurde zum Beispiel bei den ausgesprochenen Enteignungen nie der Name des Besitzers genannt, sondern die im Katasteramt geführte Flurnummer. Enteignet wurde das Land mit allen darauf verankerten Gegenständen wie Gebäuden und Bäumen, aber ohne lebendes und totes Inventar.
Der Wert von Vieh und Maschinen wurde dadurch bei Verkauf um über 50% gemindert und einiges wurde sogar unverkäuflich.
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