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Monday, December 28. 2009
Zur Jahresmitte 1972 wurden wir von unserem Nachbarn M. M. zum fünfzigsten Geburtstag eingeladen. Es wurde ein Fest der Feste mit einem gewissen Galgenhumor.
Wir waren uns wohl über den “Tod” unserer Betriebe im klaren, was fehlte war eigentlich nur das genaue Datum. So trafen sich dort ungefähr 150 Ehepaare und feierten "Abschied von der Vergangenheit". Die letzten Gäste gingen wohl gegen Mittag des folgenden Tages. Nur bei der Rede auf das Geburtstagskind wurde die gegenwärtige Situation erwähnt und dann nie wieder. Es war wohl im Nachhinein eine Nacht, die man nie vergessen wird.
Im Juli / August 1972 war es dann soweit. Für Einige von uns kam dieser Moment früher, für Andere später. Wir waren unter den Letzten. In der Tageszeitung las man dann das Urteil über die Tagung des Revolutionsrates. Der offizielle Bescheid wurde im "Diario Oficial”, dem Gesetzesblatt des Staates, am Wochenende veröffentlicht.
Dieser Rat spottete jeglicher Demokratie und setzte sich aus Leuten verschiedener Tätigkeiten, aber nur einer Ideologie zusammen. Durch die Veröffentlichungen der Enteignungen im Gesetzesblatt bekam der Vorgang speziell für die ausländische Presse wieder einen demokratischen Mantel, denn das Agrarreformgesetz war ja auch durch Senatsbeschluß mit Mehrheit verabschiedet worden.
Die hiesigen Genossen hatten von ihren Gesinnungsbrüdern der DDR einiges übernommen, aber es doch geschickter angewandt. So wurde zum Beispiel bei den ausgesprochenen Enteignungen nie der Name des Besitzers genannt, sondern die im Katasteramt geführte Flurnummer. Enteignet wurde das Land mit allen darauf verankerten Gegenständen wie Gebäuden und Bäumen, aber ohne lebendes und totes Inventar.
Der Wert von Vieh und Maschinen wurde dadurch bei Verkauf um über 50% gemindert und einiges wurde sogar unverkäuflich.
Monday, December 21. 2009
Die Streikposten ließen ihn mit den Worten "einmal und nie wieder" passieren.
Am kommenden Tag weigerte sich mein Mitarbeiter, noch einmal diese Fahrt durchzuführen. Es blieb mir kein anderer Weg, als selbst das nun noch verstärkte Risiko auf mich zu nehmen.
Wieder kam mein Unternehmen auf den Nebenwegen bis vor das Tor der Molkerei. Die Streikposten, eine Mischung von Landwirten und Fuhrunternehmern, holten mich mit gezogener Pistole vom Traktor. Zum Glück für mich erschien der "Verantwortliche" an diesem Ort, ein mir bekannter Kollege.
Ich versuchte ihm meine persönliche Situation begreiflich zu machen, die er auch vollkommen verstand. Wir einigten uns darauf, auch in den kommenden Tagen die Milch durch mich an die Molkerei zu liefern, aber den Gegenwert in Geld an die Streikorganisation abzuführen. So konnte ich mich auch gleichzeitig der für den Ausländerbetrieb gefährlichen Situation entziehen, gegen Landesinteressen zu verstoßen.
Die Enteignung des Betriebes kam immer näher. Viele unter der Enteignungsgrenze liegende Betriebe versuchten ihre Ländereien zu Spottpreisen zu verkaufen, um mit den Familien Chile zu verlassen. Devisen wie US-Dollar oder D-Mark bekam man in den Banken nur bei von der Regierung vorher genehmigten Auslandsreisen, nach Abzug einer Reisesteuer.
Ausreisewillige wurden dadurch aber von ihrem Vorhaben nicht abgebracht. Auch hier in Osorno auf der "Plaza" entstand ein Devisenschwarzmarkt.
Für 100 US-Dollar konnte eine vierköpfige Familie für 14 Tage einschließlich Halbpension im Hotel Sheraton leben. Die Inflation steigerte sich von 20 % bis zum Schluß auf 60 % pro Monat! Chaos und Angst war die Losung für den Besitzenden, aber auch Unsicherheit bei den Menschen, die den Kommunismus nicht zu ihrer Ideologie gewählt hatten. Defined tags for this entry: Allende, Chile, Fürth, Kommunismus, La Poza, Leben zwischen zwei Kulturen, Quelle, Reiner Schirmer, Salvador, Schickedanz, Schwarzmarkt
Monday, December 14. 2009
In Santiago in der Abgeordnetenkammer und auch besonders im Senat verlor die Regierung Allende immer weiter an Zustimmung und Unterstützung. Viele Mitglieder der Christdemokraten, die zur Bestätigung des Amtsantrittes für Allende gestimmt hatten, entzogen der Regierung bei Gesetzesabstimmungen immer öfter ihre Stimmen. So versuchte die Regierung einfach durch Dekrete das Land zu regieren.
Die ersten Verstöße gegen die chilenische Verfassung brachten eine verstärkte Opposition in die politische Landschaft. Auch seitens der USA wurde verstärkt gegen die entschädigungslose Enteignung der nationalisierten Minen der Firma "Braden Company" protestiert. Auch die zu Gewerkschaften zusammengeschlossenen Arbeitgeberverbände riefen die ersten Streiks aus. Die Vereinigung der Spediteure zeigte schon ihre Macht. So wurde der Betrieb La Poza und auch ich persönlich in eine nicht sehr angenehme Situation verwickelt.
Die gemolkene Milch wurde nicht mehr von den Betrieben zu den Molkereien befördert.
Kurz darauf schlossen sich viele Landwirte dieser Bewegung an, und brachten ihre Erzeugnisse nicht mehr auf den Markt. Der Betrieb mußte also als Gewerkschaftsmitglied der Aufforderung zum Streik folgen. Ich persönlich als Ausländer hatte mich verpflichten müssen (laut des von der chilenischen Regierung genehmigten Arbeitsvertrages) keine Handlungen gegen die Interessen des Landes zu begehen. Andernfalls lief ich Gefahr, des Landes verwiesen zu werden. Dieser Gefahr wollte ich mich nicht aussetzen und auch das Gut nicht ohne Führung lassen. Einer meiner Schlepperfahrer mußte also die erzeugte Milch, auf zwei Anhänger verteilt, ungefähr 30 Kilometer auf Schleichwegen zur Molkerei fahren
Monday, December 7. 2009
Meine Mutter schrieb uns in kurzen Zeilen, daß sie sich in Hamburg einer Operation unterziehen müsse. Weil weiter keine Nachricht kam, versuchte ich in der einzigen öffentlichen Telefonzentrale in Osorno ein Gespräch nach Deutschland anzumelden. Die Wartezeit betrug über sechs Stunden, weil seit kurzem wohl alle Gespräche ins Ausland abgehört wurden.
Auf Bitte bei Herrn Dedi, sich mit dem Krankenhaus in Verbindung zu setzen erhielt ich weitere Informationen. Der ärztliche Befund lautete, daß die notwendige Operation an der Bauchspeicheldrüse nicht mehr durchzuführen war und das meine Mutter nur noch mit einer begrenzten Lebensdauer rechnen könne. Frau Schickedanz ließ täglich einen großen Blumenstrauß nebst einer kleinen Flasche Sekt an das Bett meiner Mutter bringen. Nach Beratung mit Dorlis entschlossen wir uns, eine Ausreisegenehmigung in Chile für mich zu beantragen. Das Fundo durfte ich nicht zu lange allein lassen, wollte aber in Deutschland meiner Mutter die letzte Ehre erweisen.
Am 22. April fuhr ich allein los und kam gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung nach Hamburg. Nachdem wir meine Mutter zur letzten Ruhe gebettet hatten, fuhr ich zu meinem Freund Günti und Frau Lisa um Trost zu suchen. Anschließend dann noch eine Nacht bei Herrn Dr. Schickedanz und Herrn Dedi, die beide versuchten mich weiter aufzurichten und am 29. April kam ich wieder bei meiner Dorlis in Osorno an. Ja, solche Preise muß man zahlen, wenn man fern der Heimat ist.
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