Vier Tage danach hatte ich das erste Gespräch mit dem Vizepräsidenten. Don D. M., ein Diplomlandwirt mittleren Alters, erwartete mich. Er stammte aus Santiago und war, wie sich im Laufe des Gesprächs herausstellte, ein guter Bekannter meines früheren Tierarztes auf La Higuera (1962). Inzwischen war dieser Don M. zum Leiter der CORA des Landes avanciert und somit auch Vorgesetzter meines Gesprächspartners. Ich trug mein Ansinnen vor und merkte, dass sich mein Gegenüber schon bestens informiert hatte. Im Laufe des Gespräches machte ich ein weiteres Zugeständnis, welches die Verhandlung positiv beeinflusste.
Ein nochmaliges Treffen, bei dem auch die Gewerkschaft und eine Abordnung von Arbeitern aus La Poza eingeladen waren, wurde für die kommende Woche anberaumt. Der vereinbarte Tag kam schnell. Sicherheitshalber begleitete mich, außer den vorher erwähnten Personen, auch noch ein Jurist. Über diese Entscheidung war ich froh, da auch die Gegenseite mit einem Juristen erschien. Die Gespräche verliefen zügig und der Gedanke, das Vorwerk gegen ein weiteres Restgut B "Doña Grete" zu tauschen, wurde verwirklicht. Anschließend erfolgte die Unterschrift von allen Beteiligten. Die von mir erwähnte Unterstützung war das komplette Sägewerk von La Poza. Es wurde noch am gleichen Tage abgebaut und zu dem entstandenen Staatsgut transportiert.
Wieder eine Woche später erschien die entschädigungslose Enteignung des Vorwerkes im Gesetzblatt. Am 8. August 1972 erfolgte die Übergabe des Besitzes. Alle Beteiligten trafen sich auf La Poza und selbstverständlich auch alle Mitarbeiter. Bis zu diesem Punkt war alles harmonisch verlaufen, nun sollte es kurz vor dem Ziel noch einmal kritisch werden. Wer von den rund dreißig Mitarbeitern ging nun auf den Staatsbetrieb? Der Privatbetrieb betrug 400 Hektar und der neue Staatsbetrieb hatte die gleiche Größe. Ich forderte die Mitarbeiter auf, die Entscheidung mit Hilfe der Gewerkschaft selbstständig zu treffen. Bei einer Benennung durch mich hätte ich mir Freunde zu Feinden gemacht! Auf einmal herrschte eisiges Schweigen. Alle Mitarbeiter wollten auf dem Restgut bleiben, aber durch den Verlust von fünfzig Prozent der Fläche war ich nicht in der Lage den alten Arbeitsbesatz zu ernähren. Wieder stand alles bisher Erreichte auf dem Spiel. Aus der Reihe der Gewerkschaft wurden Einwände laut: "Dann kann eben kein Restgut bleiben und alles wird Staatsbesitz." Dies wurde der schwierigste Moment der letzten Jahre. Auch die Funktionäre der
Mit 200 ha war die gesetzliche Höchstgrenze für das Gut “Santa Louisa” (Restgut “A”) ausgeschöpft, aber damit war ein Neuanfang möglich. Damit war der erste Erfolg des ausgearbeiteten Planes ohne große Schwierigkeiten erreicht worden. Noch hatten wir 50 Tage Zeit, bis die Übergabe des enteigneten Teiles von La Poza erfolgen musste. Diese Spanne wurde nun intensiv genutzt, weil die Erreichung eines weiteren Restgutes eine weitaus schwierigere Aufgabe werden würde. Die laufenden Arbeiten wie das Abschleppen der Weiden oder andere Verbesserungen wurden auf dem enteigneten Teil des Gutes weiterhin durchgeführt. Kein Mitarbeiter wurde entlassen und der Betrieb lief so weiter, als würde er noch jahrzehntelang im Besitz der Familie Schickedanz bleiben.
Mein Nachfolger M. D. von der Agrarreformbehörde (kurz CORA genannt) kam täglich zu mir auf den Betrieb. Wir hatten die gemeinsame Aufgabe, das gesamte Inventar des Betriebes in Menge und Güte zu taxieren und den Wert festzulegen. Dazu gehörten zum Beispiel Weidezäune, Feld– und Weideaussaaten, etc. Diese Inventarliste sollte als Grundlage für die späteren Entschädigungszahlungen durch die Regierung dienen. Zum Mittagessen wurde mein Kollege selbstverständlich eingeladen. Schließlich konnte man ihm ja nicht die Schuld für die beschlossene Enteignung anlasten. Eines Tages sagte er ganz offen zu mir: “Hier bei Ihnen ist es so ganz anders, ich werde freundlich behandelt und merke auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter.”
Auf dieses Zeichen hatte ich gewartet und lud ihn zum Besuch des nicht enteigneten Vorwerks von Frau Grete Schickedanz ein. Die Dauerweiden hatten eine gleichmäßige, dichte Grasnabe und wurden gerade gedüngt. Das von einem Vorarbeiter bewohnte Verwalterhaus befand sich in einem guten Zustand. Bei einem Rundgang machte ich den ersten Vorstoß in Richtung Plan B.
“Don Mario, darf ich Sie um einen Ratschlag bitten? Was halten Sie davon, diesen Betrieb der CORA zur entschädigungslosen Enteignung anzubieten und dafür ein weiteres Restgut auf den Namen von Frau Grete Schickedanz auf La Poza mit dem Melkstand zu erhalten?" Seine Antwort fiel positiv aus: “Warum nicht? Ich habe das Gefühl, Belegschaft und Gewerkschaft werden dieser Eingabe zustimmen. Ich rate Ihnen, sich an den Vizepräsidenten der CORA in Osorno zu wenden. Genosse D. M. bearbeitet Sonderfälle bei Enteignungen. Allerdings wird es schwer sein, eine Audienz bei ihm zu erhalten, aber ich werde mich um diese Angelegenheit kümmern. Unsere Organisation ist in der letzten Zeit sehr gewachsen und den regulären Weg über die Abteilungsleiter zu gehen, kann aus politischen Gründen leicht im Sande verlaufen.”
Nach Erreichen des Zieles haben wir den Plan zerrissen, damit kein Name der Pyramide jemals bekannt wird. Auch heute beim Schreiben dieser Zeilen möchte ich nicht anders handeln. Eins kann ich jedoch mitteilen. Die Berührung mit den Menschen verschiedener Ideologien, Konfessionen, Nationalitäten, Berufe, Jahrgänge, wohlhabend und arm, Regierungsangehörige, Berufspolitiker, Akademiker sowie Landarbeiter, korrupte und ehrliche Staatsdiener, Machtgierige und Immerbescheidene, Freunde und Feinde bei der Erreichung meines Zieles haben mich gelehrt, den Wert des einzelnen Menschen zu suchen.
Nach wiederholter Absprache mit Dorlis und auch Änderungen des Programms stand nach einer Nacht Überschlafen die Richtung fest. Meinen Plan immer im Auge war der erste Weg zu der in Osorno gebildeten Agrarreformbehörde. Viele Eigentümer gaben bei der Agrarbehörde den juristischen Einspruch gegen die Enteignung ab. Unser Besuch dorthin verlief anders, sogar teilweise harmonisch. Die Enteignungsurkunde wurde ohne Widerspruch von mir unterschrieben und auch die zehnprozentige Anzahlung der Entschädigung auf den Einheitswert angenommen. Der von der Regierung ernannte blutjunge Agraringenieur, also besser gesagt, mein Nachfolger wurde mir vom Provinzleiter der Agrarreformbehörde vorgestellt und wir verabredeten ein Treffen am kommenden Tag auf dem Betrieb.
Die Übergabe des Betriebes wurde durch das Gesetz mit einer Frist von 60 Tagen geregelt. Am nächsten Tag kam auch noch ein Gewerkschaftsboß aus Osorno mit zu dem Meeting. Vom Fundo nahmen auch noch zwei Angehörige der betriebseigenen Gewerkschaft teil. Mein Wunsch La Poza als "nicht schlecht bewirtschafteter Betrieb auch in sozialer Sicht gesehen" einstufen zu lassen, wurde einstimmig angenommen und dem Eigentümer dadurch ein Restgut von 200 ha zugesichert. Wir beschlossen, die 200 ha am Ostrand des Betriebes einschließlich des Herrenhauses festzulegen, wodurch allerdings die Melkanlage verloren ging. Das unterschriebene Protokoll ging zur Regierungsbehörde nach Santiago und wurde dort umgehend rückbestätigt.
Nun aber wieder zurück zu uns. Nach Bekanntgabe der Nachricht setzte ich mich mit Herr Dr. Schickedanz in Deutschland telefonisch in Verbindung. Ich verbrachte über sieben Stunden in der öffentlichen Telefonzentrale bis die Verbindung hergestellt wurde. Auf meine Fragen erhielt ich kurze und präzise Antworten:"Wir können das weitere Vorgehen in Chile von hier aus nicht beurteilen und dafür sind Sie ja auch unser Bevollmächtigter dort, um die notwendigen Aktionen durchzuführen. Meine Linie kennen sie. Ich verzichte auf das investierte Geld, aber bitte Sie um jeden Hektar Land zu kämpfen denn diese Krankheit, Kommunismus genannt, kann sich auf die ganze Welt ausbreiten. Diese Infektion wird eines Tages heilbar sein, wenn Sie und ich dazu beitragen den Virus auf intelligente Art an der Verbreitung zu hindern."
Die kommenden zwei Tage verbrachte ich damit, auf Millimeterpapier einen Plan in Form einer Pyramide für das weitere Vorgehen zu entwerfen. Das Ergebnis sollte ein Restbetrieb in Form von 400 Hektar mit Herrenhaus und Melkanlage als Mittelpunkt sein. Dies sollte durch Neueinschreibung im Grundbuchamt auf den Namen von zwei nicht blutsverwandten Mitgliedern der Familie Schickedanz mit je zwei Mal 200 Hektar bestätigt werden. So entstanden auf dem Papier zwei unabhängige Betriebe:
A: "Santa Louisa" mit Mittelpunkt Herrenhaus und Eigentümerin Frau Dedi geb. Schickedanz B: "Doña Grete" mit Zentrum Melkanlage und Eigentümerin Frau Schickedanz geb. Lachner.
Beide künftigen Eigentümer waren nicht blutsverwandt, da ja Frau Dedi nicht die leibliche Tochter von Frau Schickedanz war. Auf der Pyramide erschienen alle Personen, die mir beim Erreichen meines Zieles bewußt oder auch unbewußt helfen sollten. Es würde ein schwerer Weg werden und mir war klar, viele holperige Feldwege fahren zu müssen, um das gesteckte Ziel zu erreichen! Der Weg dorthin wurde die schönste und interessanteste Forderung meines Lebens.
neueste Kommentare