Nach einem Tag Aufenthalt ging es weiter nach Porto Alegre, einem Zentrum der brasilianischen Landwirtschaft. Der deutschsprechende Landwirtschaftsminister der Provinz erwartete uns. Nach der Besichtigung einiger weiterer Betriebe ging es abends wieder mit dem Flugzeug nach Sao Paulo. Dort trennten wir uns und ich reiste noch allein tausende von Kilometern durch dieses große Land, um vielleicht doch noch ein "La Poza Brasilien" zu finden. Ende August war ich dann wieder zurück in Chile. Über den Anden bekam ich im Flugzeug eine Nierenkolik. Nur eine Morphiumspritze konnte die Schmerzen noch lindern.
Am kommenden Tag hatte ich einen Termin mit Don Pancho in Santiago, dessen Anwaltsbüro sich auf Enteignungen spezialisiert hatte. Für uns war er der Verbindungsmann zur Rechtsabteilung des Zentralbüros der Agrarreformbehörde. Es ging darum, die Einschreibung im Grundbuch unserer geretteten Betriebe so schnell wie möglich zu verwirklichen. Auch die vorherigen Veröffentlichungen im Gesetzblatt waren seiner geschickten Arbeit zu verdanken. Ich nutzte den Besuch in Santiago um meinen neuen Diplomatenpass aus San Jose de Costa Rica in Empfang zu nehmen. Somit konnte ich Chile ohne große Anträge jederzeit verlassen und war auch im Lande polizeilich geschützt. Mein deutscher, in Chile ausgestellter Reisepass behielt weiterhin seine Gültigkeit.
Zurück in Osorno packte mich Dorlis erst einmal für 24 Stunden ins Bett und ließ keinen Menschen an mich heran. Körperlich war ich ausgelaugt und vollkommen übermüdet. Im Betrieb gab es keine Neuigkeiten. Mit meinem Kollegen vom Staatsbetrieb gab es keine Reibungspunkte. Seine Arbeit war nicht leicht, da er vom Staat kein Betriebskapital bekam. Um die Gehälter bezahlen zu können, war ich oft die einzige Hilfe. Über das gemeinsame Konto, welches wir für unser “a media System" eingerichtet hatten, war es mir möglich, durch Vorrauszahlungen seine Finanznöte abzumildern. Als Gegengabe überreichte er mir die rote Bibel von Mao Tse Tung. Mao war der Anführer der kommunistischen Revolution in China. Er beschreibt in dem Buch wie die fleißigen chinesischen Arbeiter unter großen Mühen und mit primitiven Werkzeugen meterweise hohe Berge abtragen, um eines Tages jenseits der Berge das Paradies zu finden. Ich habe dieses Buch wirklich aufmerksam gelesen, um das Gedankengut meiner ideologischen Gegner besser zu kennen und auf deren Pläne vorbereitet zu sein. Meinem Freund aus dem anderen Lager sagte ich nur kurz: "Wenn Ihr nach jahrzehntelanger mühevoller Arbeit im Paradies ankommt, werdet Ihr merken, dass eure Gegner mit der hohen Technologie schon Jahre vor euch im Paradies angekommen sind. Ihr lauft immer dem Hasen nach und werdet Ihn nie erreichen und das von Gott geschenkte Leben auf dieser Welt dabei vergessen.“
Im September mehrten sich die Anzeichen für den sich anbahnenden Bürgerkrieg. Allende rief zur Bildung von Arbeiterbrigaden auf, um den Faschismus zu bekämpfen. Die Bürger teilten sich in zwei Lager. Auch die Landarbeiter auf den Staatsbetrieben merkten, dass sie ihren früheren und sichtbaren Arbeitgeber gegen den unsichtbaren Arbeitgeber (Staat) getauscht hatten. Als weitere Enttäuschung kam hinzu, dass das in der Propaganda versprochene Land kein Thema mehr war.
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