In der Familie war alles gesund. Das Schuljahr ging Anfang Dezember dem Ende entgegen. Beide Töchter waren gute Schülerinnen. Die Stärke von Gabi waren die Sprachen und bei Christina hatte Mathematik den Vorrang. Einige Tage vor Schulschluss wollten wir unseren nächsten Deutschlandurlaub antreten. Wir freuten uns alle sehr darauf, aber noch fehlte ein Monat. Die Ausreiseanträge wurden zeitig gestellt und die Plätze bei der Lufthansa reserviert. Wir planten den Hinflug über Kolumbien-Venezuela-Frankfurt zu nehmen. Zurück dann ohne Flugzeugwechsel Frankfurt- New York-Santiago. Acht Tage Kolumbien waren als Besuch bei unseren Freunden, der Familie Lothmann vorgesehen. Harald Lothmann war schon vor einem halben Jahr von seiner Firma Merck / Darmstadt von Santiago nach Bogota versetzt worden.
Von meinem Urlaubsplan setzte ich nun auch meinen Mitarbeiter Carlos M. in Kenntnis. Als Ausgleich kaufte ich auf Betriebskosten eine Luftpassage Santiago-Frankfurt-Santiago für ihn. Damit hatte er die Gelegenheit, Kontakte in Deutschland (Universität Münster) für seine weitere Zukunft zu knüpfen. Für den Fall, dass unsere Mission hier in Chile doch noch fehlschlagen sollte, mussten wir alle versuchen vorzusorgen. Mein Freund aus der Zeit in Lonquen, Werner Gumpert, hatte sein Fundo (Landgut) von circa 60 ha bereits verkauft und war auf einer Orientierungsreise durch Deutschland. Er hatte mehr Befürchtungen für seine Familie in einem kommunistischen System in Chile zu leben, als als ehemals emigrierter Jude nach Deutschland zurückzukehren.
Am Wochenende vor unserem Abflug nach Deutschland fuhren Dorlis und ich für zwei Tage in das 150 Kilometer entfernte argentinische Städtchen Bariloche. Der Hauptgrund der Reise bestand darin, meinen Diplomatenpass den chilenischen und argentinischen Grenzbehörden “ zur Begutachtung” vorzulegen. Beide Seiten salutierten und ohne Zollkontrolle und Ausreiseerlaubnis erfolgte der Grenzwechsel.
In Bariloche besuchten wir das international bekannte Esslokal "El Jabali” (Das Wildschwein), welches von dem Jäger und Hotelier Hermann W. geführt wurde. H. W. organisierte für Jäger aus der ganzen Welt, aber am liebsten für Deutsche, Hirschjagden in dem schwierigen Gebiet der Anden. Auch in den kommenden Jahren riss die Bekanntschaft zwischen uns nie ab. Herrmännchen, wie er meistens genannt wurde, war seit 1945 in Argentinien ansässig. Nie sprach er über seine Vergangenheit. Spekulationen brachten ihn mit dem Reichstagsbrand der Dreißiger Jahre in Berlin in Verbindung. Ein anderes Gerücht besagte, dass er mit dem letzten, angeblich mit Nazigrößen beladenen, deutschen Unterseeboot nach Argentinien gekommen sei. Oder war er ein CIA-Mann der Vereinigten Staaten von Amerika, um Nazis in Argentinien aufzuspüren? Mir war er ein hilfsbereiter Mensch und mit seinem Tod nahm er das Geheimnis um seine Vergangenheit mit ins Grab.
Auch die Rückfahrt im Auto über den interessanten Weg durch und über die Cordillera de los Andes verlief ohne Zwischenfälle. Erneut beeindruckte mich die Reaktion der Grenzposten auf meinen Diplomatenpass. Irgendwie sind wir Menschen schon eine komische Spezies. Kann man erst ein Stück Papier vorweisen, welches einem eine gewisse Autorität verleiht, wird die Richtigkeit des Dokumentes ohne Zweifel akzeptiert.
In Osorno zurück erhielten wir unsere offiziellen Ausreisepapiere und holten dann die Kinder vom Internat ab. Nun konnte der Urlaub für die Familie Schirmer beginnen. In Santiago wurde noch für zwei Tage Station gemacht. Geschlafen wurde im Sheraton-Hotel, da man dort als Devisenbesitzer spottbillig wohnen konnte. Ein erneuter Besuch von mir in den Räumen der CORA brachte nichts Neues, außer die Erkenntnis, dass viele Funktionäre deutsch sprachen. Wie ich erst später erfuhr waren es Spezialisten aus Israel, die dort das "Kibbuzsystem" eingeführt hatten. Der südamerikanische "Freiheitsheld" Che Guevarra blickte neben Präsident Allende von großformatigen Fotografien auf die Besucher dieser Räume hinab.
Nach einem Tag Aufenthalt ging es weiter nach Porto Alegre, einem Zentrum der brasilianischen Landwirtschaft. Der deutschsprechende Landwirtschaftsminister der Provinz erwartete uns. Nach der Besichtigung einiger weiterer Betriebe ging es abends wieder mit dem Flugzeug nach Sao Paulo. Dort trennten wir uns und ich reiste noch allein tausende von Kilometern durch dieses große Land, um vielleicht doch noch ein "La Poza Brasilien" zu finden. Ende August war ich dann wieder zurück in Chile. Über den Anden bekam ich im Flugzeug eine Nierenkolik. Nur eine Morphiumspritze konnte die Schmerzen noch lindern.
Am kommenden Tag hatte ich einen Termin mit Don Pancho in Santiago, dessen Anwaltsbüro sich auf Enteignungen spezialisiert hatte. Für uns war er der Verbindungsmann zur Rechtsabteilung des Zentralbüros der Agrarreformbehörde. Es ging darum, die Einschreibung im Grundbuch unserer geretteten Betriebe so schnell wie möglich zu verwirklichen. Auch die vorherigen Veröffentlichungen im Gesetzblatt waren seiner geschickten Arbeit zu verdanken. Ich nutzte den Besuch in Santiago um meinen neuen Diplomatenpass aus San Jose de Costa Rica in Empfang zu nehmen. Somit konnte ich Chile ohne große Anträge jederzeit verlassen und war auch im Lande polizeilich geschützt. Mein deutscher, in Chile ausgestellter Reisepass behielt weiterhin seine Gültigkeit.
Zurück in Osorno packte mich Dorlis erst einmal für 24 Stunden ins Bett und ließ keinen Menschen an mich heran. Körperlich war ich ausgelaugt und vollkommen übermüdet. Im Betrieb gab es keine Neuigkeiten. Mit meinem Kollegen vom Staatsbetrieb gab es keine Reibungspunkte. Seine Arbeit war nicht leicht, da er vom Staat kein Betriebskapital bekam. Um die Gehälter bezahlen zu können, war ich oft die einzige Hilfe. Über das gemeinsame Konto, welches wir für unser “a media System" eingerichtet hatten, war es mir möglich, durch Vorrauszahlungen seine Finanznöte abzumildern. Als Gegengabe überreichte er mir die rote Bibel von Mao Tse Tung. Mao war der Anführer der kommunistischen Revolution in China. Er beschreibt in dem Buch wie die fleißigen chinesischen Arbeiter unter großen Mühen und mit primitiven Werkzeugen meterweise hohe Berge abtragen, um eines Tages jenseits der Berge das Paradies zu finden. Ich habe dieses Buch wirklich aufmerksam gelesen, um das Gedankengut meiner ideologischen Gegner besser zu kennen und auf deren Pläne vorbereitet zu sein. Meinem Freund aus dem anderen Lager sagte ich nur kurz: "Wenn Ihr nach jahrzehntelanger mühevoller Arbeit im Paradies ankommt, werdet Ihr merken, dass eure Gegner mit der hohen Technologie schon Jahre vor euch im Paradies angekommen sind. Ihr lauft immer dem Hasen nach und werdet Ihn nie erreichen und das von Gott geschenkte Leben auf dieser Welt dabei vergessen.“
Im September mehrten sich die Anzeichen für den sich anbahnenden Bürgerkrieg. Allende rief zur Bildung von Arbeiterbrigaden auf, um den Faschismus zu bekämpfen. Die Bürger teilten sich in zwei Lager. Auch die Landarbeiter auf den Staatsbetrieben merkten, dass sie ihren früheren und sichtbaren Arbeitgeber gegen den unsichtbaren Arbeitgeber (Staat) getauscht hatten. Als weitere Enttäuschung kam hinzu, dass das in der Propaganda versprochene Land kein Thema mehr war.
Die neue Arbeit auf "Santa Louisa" und "Doña Grete” duldete keinen Aufschub. Beide Betriebe mussten laut Gesetz unabhängig voneinander bearbeitet werden, da ja kein Betrieb über 200 ha in Chile existieren sollte. Andernfalls hätte auch die Gefahr einer erneuten Enteignung bestanden. Die interne Grenze zwischen beiden Betrieben wurde mit einem verstärkten Stacheldrahtzaun kenntlich gemacht. Wir tauften dieses Werk spöttisch "Berliner Mauer". Das Inventar wurde geteilt, die Mitarbeiter bekamen neue Arbeitsverträge, zwei getrennte Buchhaltungen entstanden und Don Carlos wurde Bevollmächtigter von Betrieb “ B" mit Schwerpunkt Milchwirtschaft. Ich blieb auf Betrieb "A", der als Mastbetrieb geführt werden sollte. So verdoppelte sich die unproduktive Arbeit, dessen unsichtbarer Kopf ich weiterhin bleiben musste.
Da wir die Hälfte des Grünlandes verloren hatten, fehlte es uns nun an Futterfläche für das Vieh. Wir schlossen einen Vertrag “a media” mit dem neuen Staatsbetrieb unter Führung von Kollege M. D. ab. Unsere überzähligen Milchkühe, bzw. Mastbullen wurden auf die Weiden des Staatsbetriebes getrieben. Der Zugewinn, sei es pro Liter Milch oder Kilogramm Fleisch, wurde zu je 50 % geteilt. Die Tiere selbst blieben aber weiterhin im Eigentum der Restgüter A und B. Damit konnte ich erneut dem Staatsbetrieb behilflich sein und brauchte unser Vieh nicht zu den damaligen Schleuderpreisen zu verkaufen. Diese Geste brachte wieder Pluspunkte für mich, denn ich wollte so lange wie möglich das kommunistische System überstehen.
Einige gute Mitarbeiter, vor allem den verläßlichen Viehhirten, hatten wir verloren. Bisher war die Strategie “Kleine Opfer müssen erbracht werden, verliere aber nicht das Ganze aus den Augen” gut aufgegangen. Mitte August waren Frau Schickedanz und Herr Dedi zur Industrieausstellung nach Sao Paulo geladen. Am 12. August fuhr ich zur Berichterstattung über die letzten Ereignisse nach Brasilien, bekam aber gleich den Auftrag, als erstes das Gebiet um Curitiba (europäische Zone von Brasilien) zu erkunden. Dabei sollte ich nach zum Verkauf stehenden Gütern Ausschau halten. Tage darauf trafen wir uns dann auf der Ausstellung und konnten uns ausführlich über Vergangenheit und Zukunft unterhalten. Zusammen bereisten wir dann die Gegend von Sao Paulo, Sao Carlos; Provinz Catarina und Blumenau, wo auch eine Textilfabrik für Quelleartikel besichtigt wurde. Dann ging es weiter bis Rio Grande del Sur. Die vielen Kilometer wurden per Flugzeug oder bereitgestelltem Auto zurückgelegt. Immer wurde Ausschau nach geeigneten Haciendas gehalten, einige Betriebe wurden auch besichtigt. Der Kommentar von Frau Schickedanz: "Herr Schirmer, es ist vieles schön, aber es ist eben nicht unser "La Poza". Ich spürte deutlich, wie sehr meine Chefin an dem Fundo in Chile hing. Eine Stunde vor Ankunft in Blumenau merkte ich, dass meine Chefin im Auto immer unruhiger wurde. Fuhr der Fahrer zu schnell, oder was bedrückte die Dame? Auf meine Frage bekam ich zur Antwort: "Ich muss zur Toilette, das können Sie nicht für mich erledigen." Wir fuhren bis zur Textilfabrik in Blumenau, wo uns ein großer Bahnhof erwartete. Ich sauste los und fand eine Toilette. Auf meine Worte, das Örtchen gefunden zu haben, bekam ich zur Antwort: “Was denken Sie denn! Ich bin doch bei der Musterung der einzukaufenden Waren, da muss die Toilette schon warten.” Dies war charakteristisch für Frau Schickedanz. Sie verlangte viel, war aber immer bereit, als erste alles von sich zu geben.
Nun musste ich doch eine Entscheidung treffen: "Zehn Mitarbeiter (meistens Kleinbesitzer), die auf La Poza keine Werkswohnung besaßen und nur Arbeitsverträge als Tagelöhner hatten, mussten zum Staatsbetrieb übersiedeln. Jeder der Ausscheidenden erhielt vom Betrieb kostenlos drei Milchkühe als Abfindung und mein Versprechen, mit Rat und Tat in den ersten Monaten behilflich zu sein. Dieser Vorschlag fand Zustimmung und ich nutzte die gute Stimmung aus und schenkte den ehemaligen Mitarbeitern dazu noch einen fast neuen Traktor. So wurde diese letzte, aber fast tödliche Hürde genommen. Einiges Kapital ging verloren, aber auf der anderen Seite wurden 400 Hektar Land mit moderner Melkanlage sowie Herrenhaus und Verwalterhaus als Mittelpunkt für die Familie Schickedanz erhalten. Zur Erläuterung für den Leser füge ich die folgende Erklärung bei: Plan A Fundo “Santa Luisa” Restgut mit 200 ha Plan B Fundo “Dona Grete” Restgut mit 200 ha* Plan C Enteignet mit 45 ha Plan D Enteignet mit 205 ha Vorwerk Enteignet mit 200 ha** * durch Tausch mit dem Vorwerk von Frau G. Schickedanz entstanden ** ehemaliges Vorwerk von Frau G. Schickedanz Auch mein Arbeitsplatz wurde abgesichert, um das begonnene Werk zum Abschluss zu bringen. Kurze Zeit später wurden unsere Abmachungen durch die Veröffentlichung im Gesetzblatt legalisiert. Die letzte Aufgabe stand mir allerdings noch bevor. Der neu errungene Besitz konnte nur durch eine erneute Eintragung des Besitztitels im Grundbuchamt vollends abgesichert werden. Fast ein Jahr sollte dieses Tauziehen mit den Behörden dann noch dauern. Ohne einen treuen Verbündeten in Santiago, einem äußerst geschickten Rechtsanwalt, wäre das letzte Ziel wohl nicht erreicht worden.
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