Der Bus mit Dolmetschern und internationalem Publikum begann mit einer Kurztour im westlichen Teil der Stadt. Am bekannten Haus des Springerverlages ging es dann über die am besten gesicherte Grenze der Welt. Vom Bus aus sah man den verschachtelten Aufbau der Sicherungsanlagen. Wachtürme mit Maschinengewehren gespickt, Straßensperren, Stacheldrahtzäune und Selbstschussanlagen wechselten sich ab. Der Bus hielt und die Einreiseformalitäten wurden abgewickelt.
Die Dolmetscher wurden von Grenzsoldaten abgelöst und eine Volkspolizistin, für die das Wort "Flintenweib" gemacht zu sein schien, betrat den Bus. "Pässe abgeben!", lautete der knappe Befehl. Bei uns geschah dann zunächst eine ganze Weile gar nichts. Andere, zur gleichen Zeit angekommene Busse, waren schon weitergefahren. Auch der Fahrer konnte sich die Situation nicht erklären. Nach einer halben Stunde Wartezeit, alle Passagiere wurden schon unruhig, betrat das Flintenweib unseren Bus mit den Worten: "Herr Schirmer, Frau Schirmer, melden!" Wir erhoben uns von den Plätzen. Sie musterte uns mit kalten Augen und ohne ein weiteres Wort zu verlieren verschwand sie in der Kommandostelle. In sekundenschnelle übergab ich Marily unsere mitgeführten deutschen Pässe. Eines war mir klar: Wir waren seit unserem Zwischenfall bei der Grenzkontrolle beschattet worden und hier war unsere Ankunft im voraus bekannt gewesen. Nach weiteren fünf Minuten erschien "unsere Freundin". Sie verteilte die abgestempelten Reisepässe an ihre Eigentümer und befahl: "Der Bus kann weiterfahren. Herr Schirmer und Frau aussteigen."
Ich versuchte, dies schnell für Pancho und seine Frau zu dolmetschen. Der versuchte, sich sofort vor uns zu stellen: "Ich rufe sofort meinen Freund Salvador Allende an, so etwas wie hier lasse ich nicht zu!". Die Grenzerin warf sich in Positur und zeigte nur auf den Platz von Pancho und hielt den Finger vor den Mund. Ein Zeichen, das auch der Dümmste verstand. Dorlis und ich verließen den Bus und Pancho versuchte uns zu folgen, woran er aber vom Busfahrer gehindert wurde. Der Bus fuhr ab, um seinem Programm zu folgen. Zurück blieben zwei geschockte Menschen, die vergessen hatten, dass die DDR nicht Südamerika ist.
Wir wurden in einen engen Raum geführt, in dem nichts außer einem Tisch und vier Stühlen standen. Nicht einmal das Portrait vom Vorsitzenden des Staatsrates Walter Ulbricht lachte auf uns herab. Ich sagte nur kurz und leise zu Dorlis: “ Falls man uns trennt, sag immer die Wahrheit. Das ist der einzige Weg, uns nicht gegenseitig zu belasten.“ In den nächsten dreißig Minuten geschah nichts. Ich rauchte eine Zigarette und in Ermangelung eines Aschenbechers drückte ich den Stummel auf der Streichholzschachtel aus. Die restliche Glut entzündete die noch nicht verbrauchten Streichholzköpfe mit einer kleinen Stichflamme. Sofort wurde die Tür von drei Soldaten mit gezückten Pistolen aufgerissen: "Welche Dokumente verbrennen Sie hier?", wurden wir angeschrieen. Wir kamen sofort in einen anderen, ständig bewachten Raum.
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