Als nach drei Stunden immer noch nichts geschah, fasste ich den Mut den Postenführer zu fragen: “ Was wollen Sie eigentlich von uns, wenn wir hier nicht erwünscht sind, können wir die zwei Minuten zur Grenze zu Fuß zurücklegen.“ Die kühle Antwort: "Ihre Sache läuft schon".
Nie in unserem ganzen Leben hatten wir uns so hilflos gefühlt. Meine Gedanken kreisten um die Gründe unserer Verhaftung. War es der Diplomatenpass, oder hatte es mit Dorlis Geschichte als DDR-Flüchtling zu tun?
Nach sechs Stunden quälender Wartezeit erschien ein gutaussehender Oberst der Volkspolizei. "Herr und Frau Schirmer, Sie haben sich des größten Vergehens unserer Republik schuldig gemacht. Darauf steht lebenslängliche Haft. Wie wir Ihnen beweisen können, sind Sie mit einem deutschen Pass über die Transitstrecke, also schon durch das Hoheitsgebiet unserer Republik, gefahren und haben jetzt zur Einreise in unsere Hauptstadt Berlin einen weiteren Pass gebraucht. Unsere Anklage lautet, dass Sie beide mit den deutschen Pässen Bürgern unserer Republik zur Flucht ins Ausland verhelfen wollten.” Nach einer Leibesvisite waren aber zum Glück weder bei mir noch bei Dorlis die deutschen Pässe zu finden. War mein Diplomatenpass nun doch nicht der tatsächliche Grund unserer Schwierigkeiten?
Unser Bus kam nach der Tour wieder zurück und der Oberst sagte: “Frau Schirmer, steigen Sie ein.” Zu mir gewandt: “ Mit Ihnen möchte ich mich noch unterhalten und erzählen Sie mir über die Revolution in Chile.” Im Laufe des Gesprächs merkte ich, wie dieser Caballero die spanische Sprache perfekt beherrschte. Seine Abschiedsworte werde ich nie vergessen können. "Machen Sie solche Sachen nie wieder. Hier in unserer Republik, mit der bestausgebildeten Grenzpolizei der Welt, merken wir alles. Ich wünsche Ihnen weiter viel Glück in Chile.” Ein Handschlag und ich konnte den Bus Richtung Westberlin betreten.
Im Bus bestürmte mich Freund Pancho mit Fragen. Meine einzige Reaktion: “Bitte sei ruhig, Deine Fragen beantworte ich Dir später.” Ich glaube auch, nachdem wir in Westberlin angekommen waren, habe ich nicht mehr viel gesprochen.
Am nächsten Tag begann die Rückfahrt in Richtung München. Erst auf westdeutschem Boden bekam ich mein Gleichgewicht wieder. Auch der Besuch im Hofbräuhaus in München wurde mir zur Qual. Ich rief Frau Niederle an und berichtete von den letzten Tagen und bat darum, für Freund Pancho und Frau Marily eine Wochenreise nach Gran Canaria zu buchen. Umgehend erhielt ich die Zusage. Schwer wurde es nur, meine Freunde zu dem plötzlichen Abschied zu bewegen, aber ich war am Ende.
Die Weihnachtstage wollte ich mit Dorlis und unseren Kindern bei der Oma verbringen. Sylvester und den Beginn des Jahres 1973 verbrachten wir dann bei Schwager Ernst-Joachim und Familie.
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