Unsere Zeit im kommunistischen Chile
Die Tage in der Familie trugen dazu bei, wieder auf andere Gedanken zu kommen. Besonders in Erinnerung sind die Tage auf Gut Röndhal bei Luhmühlen im Haus unserer Freunde Hans und Waltraud. Sie hatten dieses wunderschöne Gut für die Familie Reemtsma aufgebaut. Lange Spaziergänge im tief verschneiten deutschen Wald zeigten uns erneut die Schönheit unserer Heimat. Auch die abendlichen Gespräche am knisternden Kamin, meistens mit einer Flasche guten Rotweins, gaben uns viel zu denken und ließen uns die Gegenwart vergessen.
Anschließend besuchten wir noch unseren Freund Werner Gumpert, der mit Frau und Kindern von seiner Orientierungsfahrt durch Deutschland gar nicht erst nach Chile zurückgekehrt war. Das aus dem Fundoverkauf erlöste Geld hatte die Familie sicher in den USA angelegt. Werner hatte Arbeit in Hannover an der Tierärztlichen Hochschule Hannover gefunden. Dort mußte er im Labor Ratten sezieren, eine nicht gerade angenehme Arbeit. Der ehemalige Fundobesitzer fühlte sich nicht zu stolz, solche Arbeiten zu verrichten und das Gehalt reichte für ein bescheidenes Dasein. Er hatte seinen Optimismus nie verloren, was wohl die Stärke dieses stets fleißigen und oft schon vom Leben geprüften Menschen war. Beim Abschied prophezeite er mir: "Die Amtszeit der gegenwärtigen chilenischen Regierung wird kürzer sein, als die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland. Dann werde ich mich in Chile wieder selbständig machen." Wie Recht sollte er behalten!
Der Rest der Urlaubstage wurde im Freundschafts- und Familienkreis aufgeteilt. Oft kam auch die Frage von Bekannten: "Was, ihr wollt wieder nach Chile gehen?" Zu verzerrt war die Berichterstattung der Medien und lieferte oft eine falsche Beschreibung der Lage für unsere in Deutschland lebenden Freunde.
Um den 10. Februar herum fuhren wir wieder nach Fürth, zu den letzten Besprechungen mit unseren Chefs. Gesprächsthema war unter anderem die schon erwähnte subjektive Berichterstattung der Medien über die chilenischen Verhältnisse. Die Nachrichten über die Vorkommnisse in Chile wurden je nach Interesse des Leserkreises manipuliert. Das war Anlass genug, die Herausgeber der Fürther Tageszeitungen zu besuchen. Begleitet wurden wir von dem Pressesprecher des Quelle Konzerns. Herr Dr. Schickedanz wollte versuchen, die tendenziösen, meistens linksseitigen Berichte in das richtige Licht zu stellen. Beim Abschiedsessen mit Herrn Dedi kam ich auch auf meine privaten Anliegen zu sprechen: "Nach erfolgreichem Abschluß unserer Aufgabe, die Restgüter im Grundbuch zu sichern, möchte ich mit meiner Familie Chile verlassen.” Allem voran war das Leben in einem kommunistischen Land mit meiner Lebensauffassung nicht in Einklang zu bringen. Unsere Kinder sollten nicht in einem Internat und getrennt von den Eltern aufwachsen. Auch die Fundos würden durch meine Präsenz immer mit dem alten Großbetrieb in Verbindung gebracht werden. In Chile würde ich für den Betrieb "Santa Louisa" einen deutschsprechenden Verwalter einarbeiten. Familie Schickedanz verstand meine Argumente. Und wenn es dann so sein sollte, würde man für eine künftige Tätigkeit in der Firma schon das Richtige finden, gab man mir zur Antwort. Frau Schickedanz nannte das Wort "Spanien", wo sie persönliche Besitzerin einer modernen Großgärtnerei sei.
So fuhren wir mit der mir gegebenen Sicherheit ohne Bedenken zurück nach Chile.
Nach den vielen Jahren des selbstständigen Handelns konnte ich es mir schwer vorstellen, wieder in Deutschland arbeiten zu müssen. Zu wichtig war mir die überaus geliebte Entscheidungsfreiheit. Zu viele Bekannte von mir fühlten sich trotz guter Bezahlung recht unglücklich in ihrem Beruf. Diesem Schicksal wollte ich, wenn möglich, entgehen.
Am Abschiedstag ging es dann noch einmal in die Kaufhäuser. Im Sekretariat wurden mit Hilfe von Frau Niederle die Einkäufe in die Koffer gequetscht. Wir hofften auf einen ruhigen Rückflug mit der Lufthansa, mit Zwischenstopp in New York. In der Transithalle mussten unsere, diesmal deutschen Pässe, abgegeben werden. Nach einer Stunde erfolgte der Aufruf zum Weiterflug. Alle Passagiere erhielten ihre Pässe zurück, nur..... Reiner Schirmer nicht. Da stand ich nun, hilflos und mit der Angst ein “zweites Berlin” zu erleben. Die Flugbegleiter konnten sich die Verzögerung ebenfalls nicht erklären. Zu guter letzt, die Wartehalle war schon leer, bekam ich meinen Pass. Der Offizier der Einwanderungsbehörde entschuldigte sich mit der Erklärung: "Der Name Schirmer steht in unserer Suchliste in Verbindung mit Nazigrößen oder Offizieren des letzten Weltkrieges. Wir haben eventuelle Verbindungen von Ihnen zu der gesuchten Person geprüft." Ein Jeep brachte mich dann noch schnell zum startbereiten Flugzeug. Die Passagiere im Flugzeug beäugten mich mißtrauisch, Dorlis und die Kinder umarmten mich mit Tränen in den Augen, froh den Ehemann und Papi wieder zu haben. Später habe ich von der Existenz eines über Kreta abgesprungenen Fallschirmjägeroffiziers namens Schirmer gehört.
In Santiago landeten wir am 16.02.1973 bei Temperaturen von +37°C. Abgeflogen waren wir bei - 14°C in Deutschland.
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