Nach kurzer Vorsprache bei Anwalt Pancho und gemeinsamen Besuch in der CORA ging es am folgenden Tag nach La Poza, wo uns keine Überraschungen erwarteten. Noch ein paar Tage und die Kinder mußten zum Schulbeginn wieder ins Internat. Dorlis und mich schockte die immer größer werdende Armut im Lande. Meine ehemaligen Mitarbeiter auf dem Staatsbetrieb verzehrten das dürftige Betriebskapital. Zuletzt wurde sogar der von mir so gepflegte Baumbestand zu Geld gemacht. Auf den anderen Staatsbetrieben sah es nicht anders aus.
Ende März fuhren wir erneut nach Santiago zu Gesprächen bei der CORA und anderen Stellen. Diesmal fuhren Dorlis und ich mit dem Auto, einem amerikanischen “Schlitten” und Privatwagen der Familie Schickedanz, um auf dem Landweg von rund tausend Kilometern Eindrücke zu sammeln. Das Gesehene entmutigte uns, denn die Ländereien, Fabriken und Häuser sahen immer ungepflegter aus. Dies war zum Teil verständlich, denn es wurde ja in diesem Chaos kaum noch etwas produziert. Der Mangel an jeglicher Ware wurde immer größer und die Unzufriedenheit der Bevölkerung wuchs. In den politischen Ansprachen des Präsidenten wurde der Opposition die Schuld an der wirtschaftlichen Misere im Land gegeben.
Gegen Abend fuhren wir in gemächlichem Tempo auf der vielspurigen Einfahrtsstraße nach Santiago, dem nur noch zwanzig Kilometer entfernten Ziel der Reise entgegen. Plötzlich tauchte ein kaum wahrzunehmender Schatten an der Fahrerseite auf. Ein Krach und ich parkte sofort am rechten Straßenrand, um die Ursache des Zusammenstoßes zu ermitteln. Beim Aussteigen sahen wir einen Körper hinter uns liegen. Mit einer Taschenlampe versuchte ich den leblos daliegenden Mann vor nachfolgenden Fahrzeugen zu schützen. Auf meine Zeichen zur Hilfe reagierte niemand. Erst fünfzehn Minuten später erschien ein Krankenwagen zur ersten Hilfe, aber der Krankenpfleger konnte nur den Tod des alten Mannes feststellen. Nach dem Versprechen, die Verkehrspolizei zu benachrichtigen, fuhr er wieder fort. Ich stand weiter allein mit meiner Taschenlampe und Dorlis blieb in dem geparkten Wagen.
Plötzlich ertönten laute Stimmen gegenüber an der linken Fahrbahnseite. Landarbeiter eines in der Nähe befindlichen Staatsgutes hatten wohl die Geräusche des Unfalles gehört und erkannten ihren am Boden liegenden Compañero. Die Situation für mich und später auch für Dorlis, die in dem gelben Sportwagen Marke Acadian Beaumont saß, wurde zunehmend heikler. Die inzwischen angewachsene Menschenmasse schien zu einer Selbstjustiz bereit. Endlich näherte sich ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Martinshorn. Der Postenführer erkannte die Lage sofort und wir wurden im Einsatzwagen in Sicherheit gebracht. Die aufgebrachte Menge zog sich langsam von der Fahrbahn zurück und der Sergeant kam in die kleine Wachstube, die im Inneren des Polizeiwagens eingerichtet war.
War es jetzt Schicksal oder Zufall? "Don Reiner, was machen sie denn hier?" Auch ich erkannte den Polizisten, der im Jahre 1961/62 noch als Unteroffizier den Bezirk um Fundo "La Higuera" betreute. Er war es auch gewesen, der meine Abmeldung nach Deutschland unterzeichnete. Uns wurde etwas leichter, in dieser sehr unangenehmen Situation. Das aufgenommene Unfallprotokoll schilderte den Unfallhergang präzise. Der Fußgänger hatte versucht, im Laufschritt die mehrspurige Fahrbahn zu überqueren. Dabei hatte er sich unglücklicherweise eine schlecht einsehbare Linkskurve ausgesucht. Er muß dann irgendwie ins Stolpern gekommen sein und wurde dann vom vorderen linken Kotflügel unseres Autos erfasst.
neueste Kommentare