Bevor ich überhaupt schalten konnte, prasselte ein Donnerwetter nie gewesener Art auf mich herab: "Was denken Sie sich eigentlich! Ich schicke Sie nach Chile und Sie halten es noch nicht einmal für nötig, nach Deutschland zu kommen und mich ausführlich über das Erlebte zu unterrichten. So etwas hat mir noch keiner geboten." Ich schnappte nach Luft und stammelte, der Betrieb hier brauche mich dringend und…. Harsch wurde meine Antwort unterbrochen: "Hören Sie auf mit diesem Geschwätz, ein tüchtiger Chef kann doch wohl abwesend sein, so kleinkariert kann man doch gar nicht denken. Morgen früh um 8 Uhr erwarte ich Sie in meinem Büro.” Es machte Klick und das Gespräch war beendet.
Ich rief sofort Dorlis in Barcelona an, damit sie mir helfen konnte, eine Flugkarte zu organisieren. Mit dem Wagen hätte ich den Termin nie einhalten können, selbst wenn ich nachts durchgefahren wäre. Das hätte meinen Untergang bedeuten können. Also auf nach Barcelona. Dorlis empfing mich mit der Nachricht, aufgrund der Weihnachtszeit sei keine Passage nach Frankfurt mehr zu bekommen. Nach einem Wettlauf mit der Zeit bekam ich einen Flug über Mailand, Bern nach Frankfurt, wo ich dann noch einen Zug nach Fürth erreichte. Frühmorgens pünktlich wartete ich schon auf Herrn Dedi, um das Gewitter nicht allein auf mich niederdonnern zu lassen. Herr Dedi begleitete mich zu Herrn Dr. Schickedanz. Er begrüßte mich, als wenn nichts gewesen wäre und dann musste ich über Chile berichten. Ich bekam gezielte Fragen, die mich ins Staunen brachten. Wie konnte mein Chef sich in die dortige Lage versetzen, obwohl er seit drei Jahren nicht mehr in Chile gewesen war?
Wir trennten uns, um uns zum Mittagessen im Kreis der Familie Schickedanz in Dambach zu treffen. Anschließend ging es ins Büro von Herrn Dedi, der in seiner immer ruhigen und ausgeglichenen Art noch weitere Einzelfragen an mich richtete. Das Mittagessen in Dambach verlief, ohne das Thema Chile mit einem Wort zu erwähnen. Beim anschließenden Kaffee im Salon wurde dann das Gespräch auf Chile gelenkt. Fragen über die derzeitige Situation und die weitere politische Entwicklung wurden von den Familienangehörigen gestellt. Nach diesem Wortgeplänkel ergriff Herr Dr. Schickedanz das Wort: "Liebe Familie, Ihr habt nun die Lage von Herrn Schirmer geschildert bekommen. Sie, Herr Schirmer, haben ja damals meine Tochter Madeleine enteignet oder besser gesagt, zum Wohle der Familie auf ihr Eigentum verzichten lassen. Die Geschichte hat gelehrt, dass sich politische Ereignisse nicht so schnell wiederholen. Deshalb schlage ich vor, dass Herr Schirmer und seine Familie nach Chile zurückkehren und er erneut Investitionen für Madeleine und andere Familienmitglieder tätigt.“ Alle sahen auf mich und ich hüllte mich in Schweigen. Frau Schickedanz: "Gustav, das halte ich nicht für richtig. Die Schirmers sind nun für mich in Spanien und ich möchte, dass sie dort bleiben." Das Tauziehen um uns ging weiter. Ich selbst wurde überhaupt nicht gefragt, was mir im Moment sogar sehr lieb war, denn ich hatte auch keine Meinung. Es kam alles zu schnell und auch Dorlis war nicht zugegen. Zum Schluss kam auch Herr Dr. Schickedanz nicht so schnell bei seiner Frau durch. An mich gewandt fragte er: “ Herr Schirmer, was sagen Sie überhaupt dazu? Sie sehen, die Grete hat manchmal ihren Kopf für sich.”
Der Schirmer, so gefragt, versuchte seine Frau ins Spiel zu bringen, man müsse sich doch abstimmen und eine gemeinsame Entscheidung treffen. Diese Antwort wurde nun aber nicht akzeptiert. Entscheidungen sind zu treffen und man könne nicht stundenlang reden. Die Zeit ist dafür zu kostbar. Wer dazu nicht fähig sei, würde nie in die A-Mannschaft kommen bekam ich zur Antwort. “ Rauchen Sie eine Zigarette vor der Tür und teilen sie mir Ihre Entscheidung mit," sagte Herr Dr. Schickedanz zu mir und mit diesem Ultimatum verließ ich den Raum. Die Zigarette half mir nicht, aber ich musste eine Entscheidung für meine Familie fällen. Hier gab es nur Ja oder Nein. Ich entschied mich für Chile. Frau Schickedanz versuchte noch einmal, den von mir gefassten Entschluss zu ändern, aber auch Herr Dedi plädierte für Chile. Damit war die Debatte über unser Schicksal beendet. Nun äußerte ich meine Wünsche, bzw. Bedingungen, unter denen wir wieder nach Chile zurückkehren wollten...
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