Ich führte noch ein kurzes Telefongespräch mit meinem Stellvertreter auf dem Betrieb, mit der Bitte für eine Zusammenkunft der Führungskräfte um 10 Uhr des morgigen Tages. Auch Dorlis und die Kinder waren bei diesem Gespräch dabei. Ich gab eine kurze Erklärung ab, in der ich von meiner Versetzung nach Chile berichtete. Das Übergabeprotokoll wurde vom Buchhalter aufgesetzt und von meinem Nachfolger und mir unterschrieben.
Eine persönliche Bitte, den in einem Zimmer zusammengetragenen Privatbesitz hier in unserem Häuschen sowie den in Barcelona per Seefracht nach Chile zu schicken, brachte keine Probleme. Die hiesige Einrichtung gehörte zum Haus. In Barcelona mußte die Wohnung an das Vermieterbüro zum 30.12. zurückgegeben werden. Das Finanzielle wurde sowieso von der Liegenschaftsabteilung der Quelle in Deutschland geregelt und so waren die Formalitäten bald erledigt. Ein letztes Bad im offenen, aber geheizten Wellenbad mit Meerwasser, noch ein Rundgang durch den schönen Park und Adios "Jardines Tarraquo". Zu Sentimentalitäten fehlte die Zeit. Zurück in Barcelona wurde gepackt und für die Abfahrt am kommenden Tag alles vorbereitet.
Den Heiligabend verbrachten wir in der Familie einer Klassenkameradin von Christina. Die Eltern hatten einen ähnlich verlaufenden Lebensweg wie wir. Die Beiden, er Franzose und sie Deutsche, wurden mit ihren Kindern ebenfalls von einer deutschen Firma durch die Welt geschickt. Wir verbrachten schöne und besinnliche Stunden mit gleichgesinnten Menschen.
Weihnachten begann mit Regen und später kam dann der Schnee bei der Überfahrt über die Pyrenäen. Auf französischer Seite ging es flott auf der Autobahn weiter. Am Abend entschlossen wir uns, bis nach Deutschland durchzufahren. Keiner fühlte sich dafür zu müde und am zweiten Weihnachtstag überquerten wir morgens die Grenze nach Deutschland. Unser Ziel wurde das neue Haus von der Oma und die letzten 600 Kilometer schafften wir dann auch noch.
Für Oma, Christine und Klaus sowie deren Töchter Sibylle und Katrin wurden wir eine Weihnachtsüberraschung.Die Oma bewohnte den ersten Stock und wir hatten viel Platz zum Schlafen! Oma kam noch an unser Bett:" Nein Kinder, was Ihr doch alles macht und immer geht es gut. Nun geht es wieder so weit weg, aber Ihr müsst es ja wissen." Dann schliefen wir...!
Die restlichen Tage verbrachten wir in der Familie und Sylvester waren wir bei unseren Freunden Lisa und Günter Grabenhorst. Der Abschied von allen war nicht ganz so schwer, wie zuerst befürchtet. Wir gingen in eine, nun für uns geordnete Zukunft. In spätestens zwei Jahren würden wir uns im Urlaub wieder sehen. Vielleicht würde es schon früher ein Wiedersehen geben, falls der Eine oder Andere sich einmal nach Chile aufmachen würde. Am 6. Januar 1974 begann die Rückfahrt in die Heimat unserer Kinder, nach C h i l e. Die Heimat unserer Kinder, aber was war es für uns? Einerseits bedeutete Chile für uns Ferne in Bezug auf Entfernung. Andererseits war uns das Land inzwischen doch fast vertrauter als die eigene Heimat. Aber die Heimat ist es auch nicht. Wir bewegten uns mit unseren Gedanken und Gefühlen im Kreis. Vielleicht ist diese innerliche Zerrissenheit die wir empfanden das Los derer, die ihre Scholle verlassen haben und in die weite Welt gezogen sind. Andere wieder haben ein neues Zentrum des Lebens in ihrem Gastland gefunden. Unsere Kinder freuten sich in das Land zurückzukehren, in dem sie geboren wurden. Alles kann man im Leben nicht haben und für uns Eltern bleibt der Wunsch im Rentenalter doch noch einmal in dem Land, in dem wir aufgewachsen sind, zu leben.
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