Ende 1980 machte unsere Jüngste Abitur. Christina besuchte dann in Santiago eine deutsch-chilenische Wirtschaftshochschule. In dieser Ausbildung war auch ein Praktikum in einer ausbildenden Firma der Lebensmittelbranche vorgesehen. Die Lebensmittelkette "Jumbo", bei der Christina ihr Praktikum später absolvierte, hatte auch geschäftliche Verbindungen zur "Quelle" . Beide Kinder waren nicht mehr um uns und der Alltag wurde auf einmal sehr leer. Wir versuchten uns damit zu trösten, daß ja alle Eltern irgendwann ein ähnliches Schicksal hatten.
Allerdings sind die Entfernungen hier in Chile doch besonders groß, die Nord-Süd Ausdehnung beträgt immerhin 6.000 Kilometer. Uns trennten jetzt die 1.000 km von unseren Kindern, die zwischen Osorno und der Hauptstadt Santiago lagen. Uns wurde das Herz schwer. Da saßen wir beiden "Alten", hatten zwar vieles erreicht, aber nun kam zu der Trennung von Heimat und Familie noch die räumliche Trennung von unseren Kindern dazu. Wir mieteten eine geräumige Zweizimmerwohnung in Santiago für unsere Kleine, um an verlängerten Wochenenden zusammensein zu können.
Auch Gabi und Ignacio wohnten in der Nähe Santiagos. Das war für uns eine Beruhigung, da sich die Schwestern des öfteren sehen konnten. Mein Schwiegersohn arbeitete als Verwalter auf einem, der Familie gehörenden Landgut. Auch die Mutter von Ignacio, die als Ministerialdirektorin in Santiago arbeitete, kümmerte sich um unsere beiden Töchter als wären es ihre eigenen Kinder. Auch das empfanden wir als sehr große Hilfe und waren dankbar für den guten Kontakt in unserer Familie. Meine Chefs kamen fast alle Jahre nach Chile und wurden bei ihrer Ankunft in Santiago immer von einer unserer Töchter betreut, wodurch der langjährige Kontakt zwischen uns erhalten blieb.
Nachdem Christina ihre Ausbildung erfolgreich beendet hatte, entstand die Idee bei Frau Schickedanz unsere Tochter zur weiteren Fortbildung nach Deutschland zu holen. Sie sollte dort verschiedene Abteilungen des Quellekonzerns durchlaufen. Bei unserem kommenden Urlaub im August 1983 ließen wir die junge Dame in Deutschland zurück. Frau Niederle organisierte alles: Wohnung, Kontakte in der Hauptverwaltung und auch Abwechslung in der Freizeit. Aber auch Frau Schickedanz nahm sie auf internationale Modeveranstaltungen, aber auch zu Privatausflügen nach Spanien mit. Christi wurde durch ihre Verläßlichkeit, ihren Einsatz und einem sicheren Gespür für Mode eine gute Mitarbeiterin in der Firma.
Am Ende des Jahres bekam sie ein Angebot von der Chefin, in Deutschland zu bleiben. Damit hätte sie eine viel versprechende Zukunft vor sich gehabt. Die Entscheidungsfrist lief ab, aber Christinas Antwort hieß: "Ich danke Ihnen sehr Frau Schickedanz, aber alle Menschen, die ich liebe sind nun einmal in Chile und ich werde nach dort zurückkehren." Wir freuten uns über diesen Entschluß. Eine Tochter in Chile zu haben und die andere in Deutschland, daß wäre für uns Eltern wohl das Schlimmste geworden. Wir sind nach Chile ausgewandert und die Tochter würde zurückwandern und die Familie getrennt sein. Das wollten wir in unserem Leben nicht noch einmal erleben. Wie sich später herausstellte, waren aber nicht nur wir mit dem Wort "alle Menschen, die ich liebe" gemeint, sondern auch der jüngere Bruder von Schwiegersohn Ignacio. So trat Matias später in unser Leben.
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