Ignacio stand kurz vor dem Abschluss seines Landwirtschaftsstudiums. Als uns die Beiden ihre Heiratspläne eröffneten, waren wir hin und her gerissen. Alle Argumente, die beiden jungen Leute, Gabi, 18jährig, und Ignacio, 21jährig, umzustimmen, prallten gegen eine Mauer, die noch mehr Beton enthielt, als die Berliner Mauer. Ich wollte und konnte dies alles nicht verstehen. Meine kleine Gabi wollte heiraten und dann noch einen Mann, der nicht deutsch sprach!!
Warum spürte ich innerlich diesen großen Widerstand? Mein Leben war so ganz anders geformt worden. Vielleicht dachte ich auch einfach zu deutsch. Warum wollten beide in so jungen Jahren heiraten? Würden ihnen die Erfahrungswerte der formenden Jahre, die die beiden jungen Menschen überspringen wollten, nicht fehlen? Als Garant für ein glückliches Leben und eine dauerhafte Verbindung reicht oft die Liebe alleine nicht.
Dorlis war über die Nachricht auch nicht überglücklich, aber verstand in dieser Lage ihre Tochter wohl besser als ich. Sicherlich kommt in solchen Momenten das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter mehr zum Tragen. Gabi hatte sehr viele Charakterzüge von mir geerbt. Was einmal in unseren Köpfen als Ziel entsteht, ist so schnell nicht wieder zu löschen. Während unserer vielen Reisen waren die Mädels immer unsere Begleiter und wir versuchten, sie so liberal wie möglich zu erziehen. Zweifel nagten an mir und ich musste mir eingestehen, dass ich wohl einen gravierenden Denkfehler gemacht hatte. Mein Lebensweg musste schließlich nicht der Weg unserer Kinder werden, um ein glückliches Leben zu führen. All diese Gedanken gingen durch meinen Kopf und waren nur schwer zu ordnen. Ignacio war ein netter und gebildeter Mensch, sprach neben Spanisch noch andere Sprachen, aber nicht Deutsch! Meine Sprachkenntnisse in Spanisch reichten für meine berufliche Tätigkeit, aber im privaten Leben wollte ich mich lieber in meiner Muttersprache verständigen.
Um meine Tochter Gabi nicht zu verlieren, gab ich am Ende nach und die Hochzeit wurde ausgerichtet. Eines darf man jedoch nicht vergessen: Durch den langjährigen Aufenthalt in Chile wurden wir der chilenischen Kultur näher gebracht. Somit prägten auch der hiesige Glauben, das Fühlen und Denken und danach das Handeln einen Teil unseres Lebens. Durch diese Eigenschaften unterscheiden sich aber die Menschen in den verschiedenen Kulturkreisen. Dies macht ein harmonisches Zusammenleben oft sehr schwierig, da es sehr leicht zu Missverständnissen kommen kann. Aus diesen eigenen Erfahrungen heraus stehe ich auch der Globalisierung kritisch gegenüber. Allein die andere Sprache zu beherrschen reicht nicht aus, damit man in die Lage versetzt wird, das Innenleben seines Gegenübers zu verstehen. Dazu braucht es viele, viele Jahre. Das war eben der Unterschied zwischen mir und meinen Töchtern. Sie bewegten sich in den verschiedenen Kulturkreisen Deutschlands und Chiles, ohne aufzufallen. Wie glücklich ich später wurde, konnte ich zu dieser Zeit noch nicht ahnen.
Schwiegersohn Ignacio dachte und denkt auch heute noch in vielen Sachen anders als ich mit meiner deutschen Wesensart. Aber wir haben beide voneinander gelernt und der Respekt, den wir voreinander haben, ist eine Säule für unser gutes Verhältnis. Dieses ist nicht immer leicht zu erreichen, aber eine gewisse Bildungsstufe erleichtert es, zwischenmenschliche Brücken zu schlagen, auch wenn man aus verschiedenen Kulturkreisen kommt. Wie schwierig das Zusammenleben sein kann, selbst wenn sich Menschen kulturell sehr viel näher sind, wird jeder Leser aus eigener Erfahrung wissen.
neueste Kommentare