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Monday, September 27. 2010
Ende 1980 machte unsere Jüngste Abitur. Christina besuchte dann in Santiago eine deutsch-chilenische Wirtschaftshochschule. In dieser Ausbildung war auch ein Praktikum in einer ausbildenden Firma der Lebensmittelbranche vorgesehen. Die Lebensmittelkette "Jumbo", bei der Christina ihr Praktikum später absolvierte, hatte auch geschäftliche Verbindungen zur "Quelle" . Beide Kinder waren nicht mehr um uns und der Alltag wurde auf einmal sehr leer. Wir versuchten uns damit zu trösten, daß ja alle Eltern irgendwann ein ähnliches Schicksal hatten. Allerdings sind die Entfernungen hier in Chile doch besonders groß, die Nord-Süd Ausdehnung beträgt immerhin 6.000 Kilometer. Uns trennten jetzt die 1.000 km von unseren Kindern, die zwischen Osorno und der Hauptstadt Santiago lagen. Uns wurde das Herz schwer. Da saßen wir beiden "Alten", hatten zwar vieles erreicht, aber nun kam zu der Trennung von Heimat und Familie noch die räumliche Trennung von unseren Kindern dazu. Wir mieteten eine geräumige Zweizimmerwohnung in Santiago für unsere Kleine, um an verlängerten Wochenenden zusammensein zu können. Auch Gabi und Ignacio wohnten in der Nähe Santiagos. Das war für uns eine Beruhigung, da sich die Schwestern des öfteren sehen konnten. Mein Schwiegersohn arbeitete als Verwalter auf einem, der Familie gehörenden Landgut. Auch die Mutter von Ignacio, die als Ministerialdirektorin in Santiago arbeitete, kümmerte sich um unsere beiden Töchter als wären es ihre eigenen Kinder. Auch das empfanden wir als sehr große Hilfe und waren dankbar für den guten Kontakt in unserer Familie. Meine Chefs kamen fast alle Jahre nach Chile und wurden bei ihrer Ankunft in Santiago immer von einer unserer Töchter betreut, wodurch der langjährige Kontakt zwischen uns erhalten blieb.
Nachdem Christina ihre Ausbildung erfolgreich beendet hatte, entstand die Idee bei Frau Schickedanz unsere Tochter zur weiteren Fortbildung nach Deutschland zu holen. Sie sollte dort verschiedene Abteilungen des Quellekonzerns durchlaufen. Bei unserem kommenden Urlaub im August 1983 ließen wir die junge Dame in Deutschland zurück. Frau Niederle organisierte alles: Wohnung, Kontakte in der Hauptverwaltung und auch Abwechslung in der Freizeit. Aber auch Frau Schickedanz nahm sie auf internationale Modeveranstaltungen, aber auch zu Privatausflügen nach Spanien mit. Christi wurde durch ihre Verläßlichkeit, ihren Einsatz und einem sicheren Gespür für Mode eine gute Mitarbeiterin in der Firma. Am Ende des Jahres bekam sie ein Angebot von der Chefin, in Deutschland zu bleiben. Damit hätte sie eine viel versprechende Zukunft vor sich gehabt. Die Entscheidungsfrist lief ab, aber Christinas Antwort hieß: "Ich danke Ihnen sehr Frau Schickedanz, aber alle Menschen, die ich liebe sind nun einmal in Chile und ich werde nach dort zurückkehren." Wir freuten uns über diesen Entschluß. Eine Tochter in Chile zu haben und die andere in Deutschland, daß wäre für uns Eltern wohl das Schlimmste geworden. Wir sind nach Chile ausgewandert und die Tochter würde zurückwandern und die Familie getrennt sein. Das wollten wir in unserem Leben nicht noch einmal erleben. Wie sich später herausstellte, waren aber nicht nur wir mit dem Wort "alle Menschen, die ich liebe" gemeint, sondern auch der jüngere Bruder von Schwiegersohn Ignacio. So trat Matias später in unser Leben.
Monday, September 20. 2010
Gegen Jahresende wurde unser Enkelsohn Tomas geboren und auf dem Weg zum Kreissaal konnte ich meiner Gabi noch zuflüstern: "Ich bin ganz stolz auf Dich!" An meinem fünfzigsten Geburtstag mußte ich mich einer schweren Nierenoperation unterziehen. Der Chirurg Dr. Emilio Undurraga befreite mich von dem chronischen Leiden. Später wurden wir Wohnungsnachbarn und er und seine Frau Patricia gehören noch heute mit zu unseren besten Freunden in Chile. Durch ihn wurde ich auch Mitglied im Rotario Club in Osorno. Die Operation war das erste Anzeichen, daß die Strapazen und Aufregungen der Jahre nach der Auswanderung ihren Preis forderten. Bei einem ihrer Besuche in Chile riet mir Frau Schickedanz, ein bißchen mehr auf meine Gesundheit zu achten und legte mir nahe, daß Quellegeschäft abzugeben. Der Verdienstausfall wurde durch Erhöhung meiner Bezüge ausgeglichen. Auch die Fundos wuchsen mit weiteren Zukäufen, aber durch verschiedene Verwalterwechsel auch meine Belastung. Meinem Grundsatz, niemals Siedlerland zu kaufen, bin ich dabei immer treu geblieben.
Politisch kam es wieder zu Unruhen, die aber in den Provinzen nicht zu spüren waren. Die chilenische Opposition, die nach eigenen Umfrageergebnissen von der Hälfte der Bevölkerung unterstützt wurde, rief immer wieder zu "nationalen Protesttagen" gegen das Militärregime Pinochets auf. Die Reaktion der internationalen Presse konnte ich nie und kann sie auch heute noch nicht verstehen. Zu diesen Protesttagen kamen immer viele Journalisten angereist. Diese hatten kaum Informationen über die Situation im Land. Nach ihren Berichten zufolge mußte die ganze Welt glauben, in Chile herrsche ein ständiger Bürgerkrieg. Entscheidend war nicht der Wahrheitsgehalt der Information, sondern die Heftigkeit der Kritik an der chilenischen Diktatur. Leistungen des Regimes, zum Beispiel im sozialen Wohnungsbau, in der Gesundheitsfürsorge und Wirtschaftsentwicklung galten als nicht erwähnenswerte Lappalien. Der am Ende des Buches abgedruckte Bericht aus der “ Frankfurter Allgemeinen Zeitung” ist einer der ganz wenigen Artikel, in denen versucht wird, die damalige Situation ausgewogen darzustellen.
Monday, September 13. 2010
Ignacio stand kurz vor dem Abschluss seines Landwirtschaftsstudiums. Als uns die Beiden ihre Heiratspläne eröffneten, waren wir hin und her gerissen. Alle Argumente, die beiden jungen Leute, Gabi, 18jährig, und Ignacio, 21jährig, umzustimmen, prallten gegen eine Mauer, die noch mehr Beton enthielt, als die Berliner Mauer. Ich wollte und konnte dies alles nicht verstehen. Meine kleine Gabi wollte heiraten und dann noch einen Mann, der nicht deutsch sprach!!
Warum spürte ich innerlich diesen großen Widerstand? Mein Leben war so ganz anders geformt worden. Vielleicht dachte ich auch einfach zu deutsch. Warum wollten beide in so jungen Jahren heiraten? Würden ihnen die Erfahrungswerte der formenden Jahre, die die beiden jungen Menschen überspringen wollten, nicht fehlen? Als Garant für ein glückliches Leben und eine dauerhafte Verbindung reicht oft die Liebe alleine nicht.
Dorlis war über die Nachricht auch nicht überglücklich, aber verstand in dieser Lage ihre Tochter wohl besser als ich. Sicherlich kommt in solchen Momenten das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter mehr zum Tragen. Gabi hatte sehr viele Charakterzüge von mir geerbt. Was einmal in unseren Köpfen als Ziel entsteht, ist so schnell nicht wieder zu löschen. Während unserer vielen Reisen waren die Mädels immer unsere Begleiter und wir versuchten, sie so liberal wie möglich zu erziehen. Zweifel nagten an mir und ich musste mir eingestehen, dass ich wohl einen gravierenden Denkfehler gemacht hatte. Mein Lebensweg musste schließlich nicht der Weg unserer Kinder werden, um ein glückliches Leben zu führen. All diese Gedanken gingen durch meinen Kopf und waren nur schwer zu ordnen. Ignacio war ein netter und gebildeter Mensch, sprach neben Spanisch noch andere Sprachen, aber nicht Deutsch! Meine Sprachkenntnisse in Spanisch reichten für meine berufliche Tätigkeit, aber im privaten Leben wollte ich mich lieber in meiner Muttersprache verständigen.
Um meine Tochter Gabi nicht zu verlieren, gab ich am Ende nach und die Hochzeit wurde ausgerichtet. Eines darf man jedoch nicht vergessen: Durch den langjährigen Aufenthalt in Chile wurden wir der chilenischen Kultur näher gebracht. Somit prägten auch der hiesige Glauben, das Fühlen und Denken und danach das Handeln einen Teil unseres Lebens. Durch diese Eigenschaften unterscheiden sich aber die Menschen in den verschiedenen Kulturkreisen. Dies macht ein harmonisches Zusammenleben oft sehr schwierig, da es sehr leicht zu Missverständnissen kommen kann. Aus diesen eigenen Erfahrungen heraus stehe ich auch der Globalisierung kritisch gegenüber. Allein die andere Sprache zu beherrschen reicht nicht aus, damit man in die Lage versetzt wird, das Innenleben seines Gegenübers zu verstehen. Dazu braucht es viele, viele Jahre. Das war eben der Unterschied zwischen mir und meinen Töchtern. Sie bewegten sich in den verschiedenen Kulturkreisen Deutschlands und Chiles, ohne aufzufallen. Wie glücklich ich später wurde, konnte ich zu dieser Zeit noch nicht ahnen.
Schwiegersohn Ignacio dachte und denkt auch heute noch in vielen Sachen anders als ich mit meiner deutschen Wesensart. Aber wir haben beide voneinander gelernt und der Respekt, den wir voreinander haben, ist eine Säule für unser gutes Verhältnis. Dieses ist nicht immer leicht zu erreichen, aber eine gewisse Bildungsstufe erleichtert es, zwischenmenschliche Brücken zu schlagen, auch wenn man aus verschiedenen Kulturkreisen kommt. Wie schwierig das Zusammenleben sein kann, selbst wenn sich Menschen kulturell sehr viel näher sind, wird jeder Leser aus eigener Erfahrung wissen.
Monday, September 6. 2010
Am 27.03.1977 kam morgens ein Brief von Herrn Dr. Schickedanz mit der Bitte, ihn persönlich ab und zu von den Vorkommnissen in Chile in Kenntnis zu setzen. Das Schreiben endete mit dem Satz: "Ich freue mich, Gutes zu hören und wünsche Ihnen persönlich, Ihrer lieben Familie und allen unseren Osorno-Freunden, weiterhin von Herzen alles Gute. Mit vielen Grüßen, besonders auch von meiner Frau, an Sie sowie an Ihre liebenswerte Familie, bin ich Ihr Gustav Schickedanz."
Eine Stunde nachdem ich den Brief erhalten hatte, bekamen wir die traurige Nachricht vom Ableben meines verehrten Chefs. Es ist schwer, in Worten auszudrücken was wir fühlten. Mein Lehrherr des Fühlens, Denkens und Handelns hatte sich auf immer von uns verabschiedet.
Im gleichen Jahr erhielten wir den ersten Familienbesuch aus Deutschland. Dorlis Schwester Christine und ihr Mann Klaus waren fast einen ganzen Monat bei uns in Osorno. Mit Freude und auch einem gewissen Stolz, konnten wir Ihnen dieses schöne Fleckchen Erde zeígen. Chile war jahrelang vom Außenhandel abgeschlossen gewesen. Das hatte unter anderem zur Folge gehabt, dass die hiesige Industrie keine Impulse für eine Weiterentwicklung bekommen hatte. Sie war in ihrer Entwicklung stehen geblieben. Wir glaubten, eine Marktlücke entdeckt zu haben. Abends kamen Freunde und Nachbarn zu uns mit der Bitte, einige Artikel aus dem Quellekatalog in Deutschland für Sie zu bestellen. Dies hörte nie auf und der Gedanke, ein kleines Quellegeschäft inklusive Bestellannahme zu eröffnen, wurde nach Rücksprache mit Herrn Dedi und Frau Schickedanz in die Tat umgesetzt.
Ein Außenhandelskaufmann wurde unser Partner im Geschäft “Schirmer und Gantz - Quelle Sb-Center Chile". Untervertreter zur Bestellannahme wurden in allen größeren Städten des Landes ernannt. Wir machten Umsätze, die alle Erwartungen übertrafen. Bald trafen die bestellten Waren containerweise in Chile ein. Auch Dorlis arbeitete vollberuflich.
Am Ende des Jahres machte Gabi das Abitur an der Deutschen Schule. Sie entschied sich für ein Studium der Zeitungswissenschaften in Santiago und ihre erstklassigen Noten freuten uns sehr. Aber…… - dann verliebte Gabi sich in einen netten, jungen Mann.
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