Während des Urlaubes in Deutschland erlebten wir in der Hauptverwaltung eine nette Episode. Frau Niederle war in heller Aufregung. Das Finanzamt war im Haus und fragte sehr bestimmend nach dem landwirtschaftlichen Besitz in Chile und den diesbezüglichen Unterlagen. Frau Niederle gab dem Prüfer die ausweichende Antwort, sie halte wohl den schriftlichen Verkehr mit Chile, aber der Herr Schirmer, der die Belange dort führe, wäre gerade im Hause und könne sicherlich erschöpfendere Auskunft geben. Ich wurde dem deutschen Staatsdiener vorgestellt und ins Kreuzverhör genommen. Papiere wollte man sehen. Wir konnten zwar meine Monatsberichte aus Chile vorlegen, aber eine interne Buchführung gab es nur auf dem Betrieb in Osorno.
Selbst diese war zu der Zeit noch keine Pflicht, da die Besteuerung in Chile über den Einheitswert erfolgte. Ein Atlas mußte herbei und ich zeigte meinem Gesprächspartner wo La Poza nun genau in Chile liegt: "Wie Sie sehen, liegt Osorno dicht am Ende der Welt und am Fuß der Anden. Buchhalter gibt es dort nicht und daher wird die Landwirtschaft nur mit 2% Grundbesitzsteuer belegt. Am Jahresende wird die Steuererklärung nach dem Einheitswert des Betriebes berechnet. Die Betriebsfläche ist für deutsche Verhältnisse zwar bedeutend, aber es gibt dort noch sehr viele ungerodete Urwaldflächen. Santiago, wo die Verhältnisse schon eher mit Europa vergleichbar sind, liegt über 1.000 Kilometer entfernt."
Ich redete über alles was mir gerade in den Kopf kam und versuchte uns, vor einer Strafe zu retten. Am Ende des Gespräches lautete das Urteil der Prüfung: "Ihre Ausführungen Herr Schirmer waren sehr interessant. Aber wenn Sie im kommenden Jahr für die Betriebe in Chile keine Steuererklärung nach deutschem Gesetz vorlegen, werde ich die Hektar nach hiesigen Einheitswerten berechnen. Ich nehme Ihnen nicht ab, daß es in Osorno unmöglich ist, Buchführungsunterlagen zu erstellen. Wo die Frau Grete Schickedanz Besitz hat und es Produktionsbetriebe gibt, sind auch Buchführungen angeschlossen."
Der Fall war ausgestanden. Ein Buchhalter der Quelle mußte diese Belange in Zukunft bearbeiten. Dadurch wurde Frau Niederle, meine langjährige Partnerin über die der Kontakt zwischen Deutschland und Chile lief, durch einen für mich Unbekannten ersetzt. Dieser Herr nahm seine neue Aufgabe sehr genau, so daß in Zukunft viele Nebensächlichkeiten zum Zankapfel wurden.
Die Fundos in Chile hatten die Allendezeit vergessen und sich wieder finanziell so weit gestärkt, das gegen Ende des Jahres aus eigenen Kräften zwei weitere Betriebe gekauft werden konnten. Beide Verwaltungen hatten nun die stolze Zahl von je 1.000 Hektar erreicht. Schwiegersohn Ignacio übernahm die Verwaltung des von Herrn Schörghuber gekauften Fundos. Eine Beratungsgesellschaft aus Brasilien hatte die Auswahl bei der Nominierung des Betriebsleiters getroffen. Der Vorsitzende dieser Kommission war ein Sohn meines ehemaligen Chefs im Max-Planck-Institut, Prof. Dr. Preuschen.
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