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Monday, October 25. 2010
Während des Urlaubes in Deutschland erlebten wir in der Hauptverwaltung eine nette Episode. Frau Niederle war in heller Aufregung. Das Finanzamt war im Haus und fragte sehr bestimmend nach dem landwirtschaftlichen Besitz in Chile und den diesbezüglichen Unterlagen. Frau Niederle gab dem Prüfer die ausweichende Antwort, sie halte wohl den schriftlichen Verkehr mit Chile, aber der Herr Schirmer, der die Belange dort führe, wäre gerade im Hause und könne sicherlich erschöpfendere Auskunft geben. Ich wurde dem deutschen Staatsdiener vorgestellt und ins Kreuzverhör genommen. Papiere wollte man sehen. Wir konnten zwar meine Monatsberichte aus Chile vorlegen, aber eine interne Buchführung gab es nur auf dem Betrieb in Osorno. Selbst diese war zu der Zeit noch keine Pflicht, da die Besteuerung in Chile über den Einheitswert erfolgte. Ein Atlas mußte herbei und ich zeigte meinem Gesprächspartner wo La Poza nun genau in Chile liegt: "Wie Sie sehen, liegt Osorno dicht am Ende der Welt und am Fuß der Anden. Buchhalter gibt es dort nicht und daher wird die Landwirtschaft nur mit 2% Grundbesitzsteuer belegt. Am Jahresende wird die Steuererklärung nach dem Einheitswert des Betriebes berechnet. Die Betriebsfläche ist für deutsche Verhältnisse zwar bedeutend, aber es gibt dort noch sehr viele ungerodete Urwaldflächen. Santiago, wo die Verhältnisse schon eher mit Europa vergleichbar sind, liegt über 1.000 Kilometer entfernt."
Ich redete über alles was mir gerade in den Kopf kam und versuchte uns, vor einer Strafe zu retten. Am Ende des Gespräches lautete das Urteil der Prüfung: "Ihre Ausführungen Herr Schirmer waren sehr interessant. Aber wenn Sie im kommenden Jahr für die Betriebe in Chile keine Steuererklärung nach deutschem Gesetz vorlegen, werde ich die Hektar nach hiesigen Einheitswerten berechnen. Ich nehme Ihnen nicht ab, daß es in Osorno unmöglich ist, Buchführungsunterlagen zu erstellen. Wo die Frau Grete Schickedanz Besitz hat und es Produktionsbetriebe gibt, sind auch Buchführungen angeschlossen." Der Fall war ausgestanden. Ein Buchhalter der Quelle mußte diese Belange in Zukunft bearbeiten. Dadurch wurde Frau Niederle, meine langjährige Partnerin über die der Kontakt zwischen Deutschland und Chile lief, durch einen für mich Unbekannten ersetzt. Dieser Herr nahm seine neue Aufgabe sehr genau, so daß in Zukunft viele Nebensächlichkeiten zum Zankapfel wurden.
Die Fundos in Chile hatten die Allendezeit vergessen und sich wieder finanziell so weit gestärkt, das gegen Ende des Jahres aus eigenen Kräften zwei weitere Betriebe gekauft werden konnten. Beide Verwaltungen hatten nun die stolze Zahl von je 1.000 Hektar erreicht. Schwiegersohn Ignacio übernahm die Verwaltung des von Herrn Schörghuber gekauften Fundos. Eine Beratungsgesellschaft aus Brasilien hatte die Auswahl bei der Nominierung des Betriebsleiters getroffen. Der Vorsitzende dieser Kommission war ein Sohn meines ehemaligen Chefs im Max-Planck-Institut, Prof. Dr. Preuschen.
Monday, October 18. 2010
Nun standen auf "Pichihuinco" Veränderungen an. Bisher hatte Mario die Verwaltung des Gutes unentgeltlich übernommen. Auf Dauer konnte und wollte ich ihm diese Arbeit nicht zumuten. Wir einigten uns darauf, den Betrieb zu teilen. Damit war jeder frei in seinen Entscheidungen, wie und in welcher Höhe in das Land investiert werden sollte. Mein Gedanke ging auf Schwiegersohn Ignacio zu, die Verwaltung nebenberuflich zu übernehmen. Freund Mario, ein unparteiischer Kollege und ich entwarfen die Teilung des Betriebes auf dem Papier. Die Grenzzäune wurden errichtet und es entstanden zwei Betriebe mit ungefähr gleicher Hektarzahl. Erst dann kam der große Moment: Zwei Zettel, die symbolisch für die beiden Betriebshälften standen, kamen in einen Hut. Die Frau von Mario zog B und mir blieb die andere Hälfte. So wurde es eine faire Teilung. Mein Partner hatte auf seiner Hälfte das Sommerhaus. Das war nur gerecht, denn er hatte ja auch die Hauptlast der Verantwortung tragen müssen.
Schwiegersohn Ignacio übernahm die Leitung von Betrieb A. und wir begannen mit den ersten Verbesserungen. Ein Sommerhaus wurde errichtet und eine Stromleitung mußte vom nächsten, drei Kilometer entfernten, Anschluß herangeführt werden. Die Kosten des Betriebes sollten durch das Milchgeld einer im Aufbau befindlichen Milchviehherde gedeckt werden. Ein Vorarbeiter mit seinen Söhnen verrichtete die Arbeiten. An den Wochenenden fuhren wir in das Sommerhaus. An der Schönheit der Umgebung konnten wir uns nicht sattsehen. Im Osten lag, zum Greifen nah, der schneebedeckte Gipfel des Vulkan Osorno. Im Südwesten erstreckte sich die weite Fläche des Llanquihue Sees (drei Mal so groß wie der Bodensee). Besonders die Ausflüge mit unseren Enkelkindern genossen wir immer sehr. So trat innerlich die Heimat in die Ferne und die Fremde kam uns immer näher.
Monday, October 11. 2010
Unerwartet erhielten wir die Nachricht vom plötzlichen Ableben der Oma in Salzderhelden. Unsere Reisepässe lagen im weitentfernten Osorno und somit wurde uns die Möglichkeit genommen, zur Bestattung nach Deutschland zu fliegen. Wir verloren einen lieben Menschen, der für uns immer eng mit dem Begriff der Heimat verbunden war. Bei unseren späteren Besuchen in Deutschland versuchten Schwager Ernst-Joachim und Familie, das Verlorene zu ersetzen. Diese Tage merkten wir mehr denn je die Ferne zur Heimat. Der Trost für uns war, das wir die Kinder und Enkelkinder in Chile um uns hatten.
Zu Beginn des Jahres 1984 wurde Schwiegersohn Ignacio von seinem gegenwärtigen Arbeitgeber nach Osorno versetzt und wir hatten Tochter Gabi mit Mann und den Enkelkindern Tomas und der am 14. Oktober 1981 geborenen Tochter Maria-Ignacia ganz in der Nähe. Das auf einmal sehr ruhige Leben wurde durch einen Anruf von einem Herrn J. Schörghuber unterbrochen, den ich 1977 anläßlich des Besuches vom bayrischen Ministerpräsidenten Franz Joseph Strauß in Osorno kennen lernte. Damals gab ich dem Herrn Schörghuber die Zusage, ihm bei einem geplanten Kauf eines Fundos in Chile behilflich zu sein. Jetzt nach sieben Jahren wurde ich an das Versprechen erinnert. Meine Ausflüchte, ich wäre durch den Arbeitsvertrag bei der Firma “Quelle” zeitlich zu sehr gebunden, fanden kein Gehör. Mein Argument wurde durch einen Telefonanruf bei Frau Schickedanz versucht zu entkräften: "Grete, Du hast doch nichts dagegen, daß Herr Schirmer mir bei meiner Investition in Chile behilflich ist." Später versuchte man mich, als Generalbevollmächtigten seiner verschiedenen Investitionen in Chile zu gewinnen. Es wurde nicht einfach mich aus der Affäre zu ziehen.
Monday, October 4. 2010
Nun zurück zu uns. Wir lernten einen tüchtigen Menschen in Osorno kennen. Mario war befreundet mit einem Mädchen, die wir schon in der Pension Marahrens schätzen gelernt hatten. Beide hatten erst kürzlich geheiratet. Von ihm kam der Gedanke, ein größeres Fundo zu kaufen. Am Fuße des Vulkan Osorno gelegen, lag das Fundo in einer einmalig schönen Landschaft. Die 530 ha Land standen zur Versteigerung und nach einigem Hin und Her erwarben wir den Betrieb je zur Hälfte. Mario übernahm die Verwaltung und alle anfallenden Kosten wurden durch zwei geteilt. Jeder hatte das Anrecht 250 Mastbullen dort zu ernähren. Der Betrieb wurde durch die umsichtige Führung von Mario zum vollen Erfolg. Ich konnte mich aus zeitlichen Gründen um das Fundo "Pichihuinco" nicht kümmern. Der Plan, ein gemeinsames Sommerhaus zu bauen wurde kurzfristig verwirklicht. Die Wochenenden auf "Pichihuinco" waren immer etwas besonderes. Vor dem brennenden Kamin, versorgt mit einer oder zwei Flaschen Rotwein, wurde Karten gespielt oder geredet. Am Sonntag standen lange Spaziergänge oder auch Ausritte auf dem Programm. Der abschließende Grillbraten wurde zur angenehmen Pflicht des Tages. Bei Sonnenuntergang erfolgte die Rückfahrt in das 70 Kilometer entfernte Osorno.
Mitte März 1983 besuchten wir Christina in Santiago in der neu gemieteten Wohnung. Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland hatte sie nach Absprache mit der Firma "Jumbo" 100 Quadratmeter Ladenfläche für eine neue Textilabteilung zur Verfügung gestellt bekommen. Dieser Gedanke von ihr machte sie auf viele Jahre zur selbstständigen Abteilungsleiterin. So wurde von ihr das, bei Frau Schickedanz absolvierte, Praktikum in Chile umgesetzt.
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