"Geboren wurde ich in einem Dörfchen bei Fürth in Franken. Mein Vater war Fabrikarbeiter und Kleinbesitzer von zwei Kühen. Meine Mutter arbeitete öfter als Tagelöhnerin um die Familieneinnahmen zu verbessern. Ich musste daher oft per Hand die zwei Kühe melken von deren Milch Käse zum Eigenverbrauch und Verkauf produziert wurde. Mit 14 Jahren musste ich als Klassenbeste die Volksschule verlassen, da kein Geld für weitere Schulausbildung zur Verfügung stand. Für eine Lehrstelle bewarb ich mich beim Kurz-, Weiß- und Wollwarengroßhandel des Gustav Schickedanz in Fürth, wo ich auch wegen der guten Schulzeugnisse angenommen wurde. Bei Frau Anna Schickedanz lernte ich, wie man Pakete packt, den Laden auskehrt, und die Buchhaltung führt. Noch im gleichen Jahr gründete der Firmenchef das Versandhaus Quelle. Dann kam das Jahr 1929 und ein Schicksalsschlag. Bei einem Autounfall starb die Frau von meinem damaligen Chef. Die Sympathie zwischen Chef und Angestellter wuchs ebenso wie das Unternehmen. 1942 standen wir vor dem Traualtar. Ein Jahr später lag das Versandhaus in Fürth, das damals schon eine Million Kunden bediente, durch die Bombenangriffe getroffen in Schutt und Asche."
Nach diesen Worten brach sie mit Tränen in den Augen das Gespräch ab und sagte anschließend Worte zu mir, Worte, die ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde:" Sehens, Herr Schirmer, jetzt können Sie mich vielleicht besser verstehen, warum ich so an dem landwirtschaftlichen Besitz hier in Chile hänge, den einfachen Menschen hier in diesem Lande, den Tieren, der gewaltigen Kordillere mit den Vulkanen im Hintergrund und der lieblichen Natur gepaart mit der Einsamkeit. Dies war immer mein Wunschtraum, sei es als junges Mädchen genauso wie heute als wohlhabende Frau."
Herrn Dedi erfreute besonders der neue Melkstand und die Sauberkeit der Melkarbeit. Drei tüchtige Melker, bekleidet mit weißen Schürzen und Kopfbedeckung waren gerade bei der Arbeit. Auch war es uns gelungen, die Produktion im Vergleich zum gleichen Monat des Vorjahres zu verdoppeln. Herrn Dr. Schickedanz sowie Herrn Dedi interessierten besonders die politischen Vorgänge in Chile und damit verbunden die Zukunft in der Landwirtschaft. Meiner Meinung nach hatte sich die Lage seit 1967 nicht verbessert und ich hatte die Befürchtung, dass bei der Präsidentenwahl Ende des Jahres ein ähnlicher Staat wie die DDR entstehen würde. Bei einem gemeinsamen Spaziergang trug ich meine Probleme im Betrieb vor: "Sicher ist die Kontrolle durch die Eigentümer einfacher, wenn zwei Leiter über ihre Aufgabengebiete (z.B. Produktion und Verkauf) Rechenschaft ablegen müssen. Aber in der Praxis arbeitet ein landwirtschaftlicher Betrieb anders als in der Industrie, Produktion und Vertrieb können eben nicht vollends voneinander getrennt werden." Nach meiner Meinung gefragt antwortete ich klar: "Entweder versetzen Sie mich nach Deutschland, oder übertragen mir die Alleinverantwortung für den Betrieb in Chile." Nach einigen Tagen anlässlich einer gemeinsamen Betriebsbesprechung in Anwesenheit des Herrn Junge ergriff Frau Schickedanz das Wort: "Lieber Herr Junge, wie wir wissen waren Sie noch nie in unserem Deutschland und wir möchten Sie zu einem dreimonatigen Urlaub dorthin einladen. In Deutschland stellen wir Ihnen ein Auto mit Fahrer zur Verfügung und so können Sie dann auch den Ort ihrer Vorfahren kennen lernen." Auf den Einwand von Herrn Junge, nicht solange vom Betrieb fern sein zu können, sagte Frau Schickedanz nur kurz: "Das kann dann alles Herr Schirmer machen." Offensichtlich schien mein Kollege diese Worte nicht ganz zu verstehen oder wollte sie nicht verstehen mit seinen über 60 Jahren. Abends sagte man mir noch alleine, dass damit ja die Probleme des Betriebes gelöst wären. Ich erhielt die diesbezüglichen Bestätigungen meiner neuen Vollmachten dann umgehend aus Deutschland. Auch mein Wunsch, eine neue Melkanlage mit Stall im Zentrum der Milchviehweiden erbauen zu lassen, wurde genehmigt, da die Gegenwärtige mit ihren Abwässern die Trinkwasseranlage verschmutzte. Vor der Heimreise wurde ein Betriebsfest gefeiert.
Frau Schickedanz fasste geschickte Worte in der Ansprache zum Personal, die ich übersetzen musste. Es war selbstverständlich, dass alle Familienmitglieder, Frauen und Kinder, an dem Grillfest teilnahmen. Die Frauen erhielten als Extragabe einen Haushaltsartikel und die Kinder Kleidungsartikel, die wir zuvor in Osorno eingekauft hatten. Wie auch in der Firma in Fürth war "unsere Grete" eine gewisse Frauenrechtlerin. Die harmonischen Tage vergingen schnell und ich merkte, dass es mir gelungen war, das Arbeitsklima zwischen mir und der Belegschaft stark zu verbessern. Ob es genügend war, die vor uns liegenden politischen Unruhen zu überstehen, würde die Zukunft zeigen. Für Dorlis brachten diese Tage des Besuches mehr Arbeit, da sie freiwillig die ganzen Lebensmitteleinkäufe tätigte. Aber der Besuch aus Deutschland brachte auch Abwechslung, da Dorlis Frau Schickedanz und Herrn Dedi bei den Ausflügen als Dolmetscherin zur Verfügung stand. Nachher genossen wir wieder die Ruhe der Ferientage. Töchterchen Christina mußte noch mit Schuluniform versorgt werden und am 8. März 1969 begann auch für sie der Ernst des Lebens. Von nun an mussten beide Kinder in das entfernte Osorno gebracht werden und wir hofften, dass beide die gleiche Unterrichtszeit haben würden. Christina freute sich sehr, ihre ältere Schwester in die Schule begleiten zu können und strotzte vor Wichtigkeit. Nur vergaß sie oft ihr Geburtsdatum und trotz fast stündlicher Abfrage brachte sie ihre Mutter fast zur Verzweiflung. Am Tag "D" im Auto sitzend fragte ich noch einmal nach und die Antwort ging wieder daneben, aber mit dem Zusatz: "Papito, wenn der Lehrer mich nach dem Geburtsdatum fragt, werde ich sagen, fragen Sie doch meinen Vater." So war Christi.