Der Mann wurde schnell gefunden und ein junger Chilene mit guten Zeugnissen sowie vierjährigem Aufenthalt in der deutschen Kulturwelt stand mir nach kurzer Zeit zur Verfügung. Die Unterbringung erfolgte in einem Gästezimmer des Herrenhauses. Somit wurde ich auch zeitlich entlastet.
Kurze Zeit danach erhielt ich die Kündigung der Haushälterin, einschließlich des Dienstmädchens und Hausburschen. Als Ersatz stellte ich ein deutschsprechendes älteres Ehepaar ein. Die Kosten halbierten sich in Zukunft und die älteren Leute fühlten sich zufrieden in der renovierten Hausmeisterwohnung im Herrenhaus.
Familie Schirmer hatte den Wechsel aus Deutschland überstanden und fühlte sich nun wieder sehr wohl in Chile. Die Wahlen rückten immer näher. Mit den Mitarbeitern hatten wir ein gutes Verhältnis. Ein Wettbewerb unter dem Motto "Mein Haus und Garten soll schöner werden" erhöhte auch das Vertrauen zu mir. Jede Werkswohnung erhielt vom Betrieb die nötigen Mittel zur Verbesserung in Eigenarbeit. Eine Abnahmekommission wurde gebildet und Prämien für 10 Tage Extraurlaub am Meer, einschließlich aller Kosten wurden ausgelobt. Auch ein Betriebsfest am Meer mit Frauen und Kindern - wir mieteten zwei Busse für zwei Tage - war etwas ganz Neues für meine Mitarbeiter. So baute ich uns ein kleines Bollwerk für die jetzt auch im Süden immer stärker werdende kommunistische Agitation auf.
Die Enteignungen landwirtschaftlicher Betriebe in Mittelchile wurden immer häufiger, besonders dort wo sozialer Zündstoff in der Luft lag oder künstlich von den Gewerkschaften inszeniert wurde. Auch ich bekam große Schwierigkeiten mit dem Volontärverwalter, der sich als Befürworter der Agrarreform entpuppte und versuchte, das Personal in seinem Sinne zu beeinflussen. Die Kündigung wurde unerlässlich, da ich erst jetzt seine Examensarbeit mit der von ihm vertretenen Ansicht über die Agrarreform in Chile zu lesen bekam.
Für September 1970 war die Tagung des "
Bund deutschsprechender Landwirte" angesagt. Der in diesem Jahr vortragende Professor wollte über das Thema "Sozialpolitik in der Landwirtschaft" referieren. Vorher war er noch einige Tage als Gast bei uns auf La Poza. Wir verfolgten gemeinsam am Radio den Wahlverlauf. In der Nacht vom 4. auf den 5. September 1970, wir konnten und wollten es nicht glauben, siegte Salvador Allende mit 36,3 % der Stimmen von Kommunisten und Sozialisten. Eine Stichwahl (Christdemokraten 33,4 % und Liberale mit Konservativen 30,3 %) gab es laut damaliger Verfassung nicht. Die erste Reaktion war, die Tagung abzusagen. Unser Professor der Universität Hohenheim nahm die erste Lufthansamaschine in Richtung Heimat. Die Bevölkerung verhielt sich abwartend.
Am 26. Oktober wurde
Allende als Präsident vom Senat bestätigt. Viele hofften noch auf ein anderes Ergebnis, da man ja auch sagen konnte 63,7 % der Bevölkerung sind gegen einen sozialistisch-kommunistischen Präsidenten. Im Betrieb lief trotzdem alles einigermaßen in Ruhe weiter. Eine gewisse Spannung war allerdings bemerkbar. Die Belegschaft war in ihrer Ansicht über die angekündigte Agrarreform gespalten. Betriebe über 80 ha dürfen vom Besitzer nicht mehr geteilt werden. Die 80 ha Basis galten für den bewässerbaren Boden in der Region Santiago und wurde je nach Ertragsfähigkeit des Ackers für die anderen Landesteile mit einem Faktor x umgerechnet. Auch die kommunistischen Gewerkschaften wussten noch nicht so recht, wie man sich gegenüber dem Besitz ausländischer Investoren verhalten sollte.