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Monday, December 3. 2007
Warum diese Reise?
Manche mögen mich fragen: warum diese Reise per Schiff, und dann auch noch auf einem Frachter ? Meine Beweggründe waren mannigfaltig. Ich hatte in meinem Kupferdasein in Chile stets mit Logistik und Verschiffungen zu tun; im letzten Jahr war ich für die logistische Bewegung von ungefähr einer halben Million Tonnen Kupfer in einem Warenwert von 1 Milliarde US-Dollar verantwortlich gewesen. Schiffe, Beladungen und Staupläne gehörten bei mir zum täglichen Brot. Ich hatte als verantwortlicher Logistiker nicht nur ein Gehalt außerhalb jeglichen Tarifvertrages, sondern auch einen überaus geladenen 12-Stunden Tag, den ich telefonisch zwischen Chile, London und New York verbrachte. Hatte anspruchsvolle Vorgesetzte und glücklicherweise menschliche und professionelle Kollegen. Einen Alltag, bei denen man morgens beim ins Büro kommen bereits die Finger in die Steckdose steckte, um sie 12 Stunden später vollends entladen herauszuziehen. Mit solch einer Spannung begann jeder Tag um 9 Uhr morgens und endete 9 Uhr abends, und der Portier sah mich nicht nur einmal abends aus dem Bürogebäude herauswanken, weil die Erschöpfung mir das Gleichgewicht vorenthielt.
Man war einfach “auf”, wie es auf gut Deutsch heißt, für den Tag “verbraucht”. Zu abendlicher Lektüre war keine Konzentration mehr, war doch kaum mehr genug Kraft für einen klaren Gedanken übrig. Nur schnell etwas gegessen, was der Kühlschrank eben hergab und eine Flasche Wein vor dem Fernseher, damit man sich irgendwie vom Büro und den damit verbundenen Problemen für ein paar Stunden lösen konnte. So gab es für diese Reise berufliche Berührungspunkte und auch den Drang, vieles Nachzuholen; ungedachte Gedanken, ungeschriebene und ungelesene Bücher. Auf einem Frachter hat man einen geregelten Tagesablauf, kann aber sonst machen, was man will; niemand kümmert sich um einen. Auf einem Luxusliner wird man flugs verplant, Konversation mit Mitreisenden, Unterhaltungsprogramm, Kaptain’s Dinner im “Pinguin”, wie die Chilenen den Smoking gerne nennen.
Auf der “Atacama” ist nur Freundlichkeit Pflicht und geradeaus zu sein, der Rest ist Kür und unterliegt jedem Reisenden selbst. So ist die Fahrt auf der “Atacama” eine Reise zurück zu mir, auch wenn sie mich zu neuen Ufern in der alten Ferne führt. Zeit für Besinnung, für Erinnerung, für Projekte, und für meine Zukunft.
Monday, November 26. 2007
09. Juni 2004:
Letztes Frühstück an Bord. Patricio serviert zum letzten Mal Spiegeleier. Mit dem ersten Offizier trinke ich eine letzte Tasse Kaffee. Der grosse Aluminiumkoffer ist gepackt, ich schleppe die 25 Kilo die vier Treppen bis zum Hauptdeck herunter, lasse mein ganzes Hab-und-Gut in der Offiziersmesse stehen, damit das Abreisen später schneller geht. Kästner’s Ausreisevisum fällt mir dabei wieder ein. Zwischenzeitlich habe ich ja meinen Pass zurück und bin wieder jemand. Herr Churchill und ich halten ein letztes, inniges Gespräch auf dem Achterdeck, bei dem er sich und seinen braunen Tabaksmantel zum letzten Mal in Rauch auflöst. Glücklicherweise ist mittlerweile die Sonne herausgekommen und wird mir bei Ankunft zulachen. Fünfzehn Uhr sieht die Schiffsplanung vor. Mir scheint, alle an Bord fiebern dem Festland entgegen. Gegen halb drei taucht nach fast zwei Wochen auf See auf einmal Land auf, bergige Konturen erscheinen aus dem Nebel, unscharf und wie im Traum steigt aus dem Atlantik die bergige Küste Nordspaniens. Bilbao, wir kommen.
Aber die Reiseplanung wird zunichte gemacht, wir werden zum Ankern angewiesen, unser Liegeplatz ist noch durch ein anderes Schiff besetzt. Zwei Stunden Liegezeit vor den Toren des Hafens. Ich bleibe auf den Brückenflügeln und geniesse die warme Sonne, beobachte mit dem Fernglas die gegenüberliegende Gebirgslandschaft, rechne mit der Uhr. Wartezeit, Anlegemanöver, Ankunft des Agenten … Ich habe noch keine Bleibe in der Stadt. Wenn man mit dem Schiff reist, kann man so etwas nicht im Voraus planen. Man kann einen Tag früher oder später ankommen, da kann man nichts reservieren… Gegen 17 Uhr kommt der Lotse an Bord, wir haben im Einvernehmen mit “ Bilbao Pilots” um 16:20 Uhr den Anker gelichtet und eine grosse Kurve in Richtung Hafeneinfahrt begonnen. Unser Lotse ist Baske, ein Zivilist, und mit allem beschäftigt, unter anderem auch mit seinem Handy, sodass der Kapitän ihn zur Ordnung rufen muss, worauf wiederum der Lotse eingeschnappt ist. Aber Konzentration tut Not, wir lassen das vordere Hafenbecken hinter uns und nähern uns einer Lücke zwischen dem Containerschiff “Alexandra” und der Autoverladerampe. Da will er hinein, frage ich mich ? Wie wird er unsere fast 200 Meter zwischen die Verladerampe und die “Alexandra” bringen? Dann fällt mir der Spruch unses Kapitänes ein: “Die wissen schon, was sie tun !” Und so ist es auch; die beiden Schlepper ziehen unser Schiff seewärts während unser Diesel uns bei eingeschlagenem Ruder landwärts schiebt.
Das Schiff beschreibt einen stumpfen Winkel zum Ufer. Die ersten Leinen werden übergeben. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier… vordere und hintere Seilwinde treten in Aktion und ziehen unsere 45.000 Tonnen so lange, bis wir parallel zum Pier zu liegen kommen.
Nicht nur parallel zum Pier, auch parallel zur Wasserlinie, denn wir haben bei ablaufenden Wasser angedockt, so dass Schiffsdeck und Betonkai auf gleicher Ebene zu liegen kommen. Auch daher kommt heute die längere Gangway zum Einsatz. Die Metalltreppe mit dem geschlossenen Boden wird mittels dem eigenen Schiffskran mit einer Seite auf Land, mit der anderen Seite auf das Schiffsgeländer aufgesetzt. Das garantiert Beweglichkeit innerhalb der Gezeiten. Auf Deck stehen schon unser Koch, unser Steward und ein paar Matrosen und warten auf Landgang… ich geselle mich dazu, denn der Agent hat mir mittlerweile schon per Funk ein Taxi organisiert. Das ist auch bald darauf zur Stelle. So mache ich mich auf, nach die “CCNI Atacama”, die fast einen Monat lang mein Heim gewesen ist, zu verlassen. Koch und Steward helfen mir mit meinen Siebensachen. Wir müssen eine kleine Leiter empor, als wollten wir ein Siegerpodium besteigen. Danach geht es im sanften Winkel den metallnen Steg hinab in Richtung Pier - meine Füsse betreten das europäische Festland, das von nun an mein neues Zuhause sein wird. Siebentausend Meilen über das Meer haben ihr Ende gefunden. Das Ende einer Seereise von Südamerika zum alten Kontinent !
Monday, November 19. 2007
08. Juni 2004:
Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte verschlafen… meinem Handy-Weckmobil geht langsam die Puste aus obwohl ich es täglich nachlade. Mit etwas “Katzenwäsche” schaffe ich es gerade noch rechtzeitig zum Frühstück. Ein Rührei mit Schinken wartet schon unter Aluminiumfolie auf mich, zwei Scheiben Toast mit Salami und Käse folgen. Dazu gibt es ein Glas Apfelsaft. Die Erklärung der persönlichen Gegenstände für die Ankunft in Bilbao muß unterschrieben werden. Draußen an Deck ist es unleidlich und grau wie gestern.
Ob es wohl bis Bilbao etwas aufklaren wird ? Etwas Sonne wäre nicht verkehrt, aber es sieht nicht sehr danach aus. Mein letzter Tag an Bord ?
Die Männer schrubben das Deck und fetten die Umlenkrollen der Ankertaue. Ich lungere auf Deck und um die Deckaufbauten herum und weiss nicht so recht, was ich mit mir anstellen soll. Zum Packen ist es noch viel zu früh; die Siebensachen sind in einer halben Stunde im Aluminiumkoffer verschwunden. Der Kapitän gibt mir meinen Reisepass zurück. Ausgereist im Hafen von Mejillones am 19. Mai, steht dort gestempelt. Am frühen Abend nochmal kurz auf die Brücke, nach dem Abendessen nochmal an Deck. Eine letzte Zigarre mit Blick von der Reling mit Blick auf den zaghaft sonnigen Abendhimmel – diese Ausblicke werde ich vermissen. Die endlose, lichte Weite des Horizonts, das Spiel der Wolken, die blassen Pastelltöne des atlantischen Abendhimmels, die Lichtreflexe auf dem Meer, die Wellen mit ihren kleinen Schaumkronen, das Platschen der Wellen, die wechselnden Blau- und Grautöne des Wassers.

Morgen nachmittag werde ich nach dreißig Tagen Seereise einen neuen Kontinent betreten. Ich werde ein Taxi nach Bilbao nehmen, mich in einem guten Hotel einquartieren, bei einem Stadtbummel eine neue Batterie für meine Kamera kaufen, irgendwo gut (und möglichst fleischarm) zu Abend essen, vielleicht die Sauna oder das Dampfbad des Hotels in Anspruch nehmen. Oder mich einfach in der Badewanne einweichen, meine e-mails zu empfangen versuchen, zu Hause anrufen, ein Reisebüro aufsuchen, um meinen Heimflug zu buchen. Ein einmonatiges, modernes Abenteuer geht seinem Ende entgegen…
Monday, November 12. 2007
07. Juni 2004:
Es ist Montag. Draussen regnet es Bindfäden. Die Chancen, dass es bis Bilbao besser wird, sind ziemlich gering. Europa wird uns mit weinendem Himmel empfangen. An Bord geht die Routine weiter. Die Männer machen Ölwechsel am Mittelkran, ca. 800 Liter Altöl müssen in Stahlfässer abgelassen und neues Öl muss eingefüllt werden. Glücklicherweise mittels einer Motorpumpe und nicht von Hand.
Alltagsroutine auch in der Küche; es ist Montag, es gibt Leber. Unser Koch schwört, das sei gesund wegen des hohen Vitamingehaltes.
Da die Batterie meiner Kamera in den letzten Zügen liegt und ich mit dem Photografieren sparsam sein muss, tausche ich Photos mit dem Chefingenieur per Diskette. Fast jeder der Offiziere hat seinen eigenen Computer an Bord, der Bordcomputer selbst ist sehr langsam, vielen zu langsam zum Arbeiten. Fast jeder der Offiziere hat eine Digitalkamera, so kann man mittels CD oder Diskette das ein oder andere Bild vom Schiff- oder Hafenbesuch austauschen.
Da an so einem verhangenen Regentag wie heute wenig anzustellen ist, hole ich mir einen Roman aus der Schiffsbibliothek und schmökere etwas vor mich hin. Überhaupt muss ich sagen, dass ich seit dieser Schiffsreise wieder viel und gerne lese, das Fernsehen links liegen gelassen habe. Es ist alles eine Frage des Angebotes. Es ist die Gelegenheit, die den Dieb macht, wie man nicht nur in Chile, sondern auch in anderen Ländern sprichwörtlich behauptet.
Land in Sicht ? Die erste Seemöwe umkreist neugierig unser Schiff. Aber wir sind immer noch zwei ganze Tage von Bilbao entfernt. Unser Schiffsschreiner kommt die Aussentreppe herunter. Er ist aus dem Süden Chile’s, ein lustiger kleiner Mann, stets den Schalk im Nacken, kleine Lachfältchen um die dunklen Augen. Meist singt oder flötet er, wenn er arbeitet. Dieser fröhliche Mensch erzählt mir, die Möwen kämen von Fischerbooten die er bereits gesehen habe. Wir sind noch gute 400 Seemeilen von der spanischen Küste entfernt. Morgen beginnt der letzte Tag meiner Seereise. Bilbao, ich komme !
Peter Erdtmann können Sie an dieser Stelle auf seiner Reise begleiten.
Jeden Montag erscheint ein weiteres Kapitel seines Buches "Weg zurück nach vorn" mit den interessantesten Eindrücken von seiner 30tägigen Reise.
© Texte/Fotos: Peter Erdtmann
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