An den Tagen darauf machten wir eine Tagesfahrt zu der berühmten Salzkathedrale in einem ehemaligen Kaliwerk. Die Höhle war in das Gestein geschlagen und ungefähr ebenso hoch wie der Kölner Dom. Alle Würdenträger der katholischen Kirche Kolumbiens fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Der Besuch dieses Ortes beeindruckte uns alle sehr. Genau so faszinierend wurde der Besuch des Goldmuseums. Einmalige Schätze der Inkazeit mit dem berühmten Floß in Gold ließen uns die Gegenwart zeitweilig vergessen.
Kaltes und trübes Wetter empfing uns in Deutschland. Im Parkhotel Fürth bekamen wir geräumige Zimmer und die Kinder hatten Abwechslung mit dem vielseitigen Fernsehprogramm. Auch der Fürther Marktplatz mit dem schon rührigen Weihnachtsmarkt lag gegenüber. Es fing auf einmal an zu schneien und eine Weihnachtsstimmung, wie sie eben nur in der Heimat Deutschland zu spüren ist, breitete sich in und um uns aus.
Mein erster Weg, in Begleitung von Dorlis, ging zur Berichterstattung in die Hauptverwaltung. Die Familie Schickedanz bekam einen Bericht zur Lage und hörte so alles das, was von mir in Chile nicht aufs Papier gebracht werden durfte. Man wusste es zu würdigen, das wir von allen deutschen Investoren fast als einzige noch "am Ball" waren. Ich kündigte auch den Besuch von Rechtsanwalt Pancho zum Besuch in Deutschland an. Herr Dr. Schickedanz kam auf den Gedanken, das Gastehepaar auch zur Besichtigung der zu dieser Zeit modernsten Computeranlage des Versandhauses Quelle einzuladen. Herr Dedi erweiterte den Vorschlag und bat Dorlis und mich, mit den Gästen einige Tage in das Hotel Kempinski nach Berlin zu fahren. Danach sollte die Besichtigung von München und anderer Sehenswürdigkeiten in Deutschland den Besuch abrunden. Nach dem Gespräch fuhren wir noch weiter zum weltbekannten Christkindlmarkt in Nürnberg. Auch für uns Alte wurde dies ein großes Erlebnis, ganz zu Schweigen von den Kindern.
Am nächsten Tag fuhren wir mit einem fast neuen Audi vom Fuhrpark Quelle in Richtung Familie. Die Zeit eilte schon wieder, denn in einer Woche mussten wir ja wieder am Flugplatz in Frankfurt sein, um für zehn Tage den Gästen aus Chile unser Vaterland zu zeigen. Weihnachten hofften wir dann mit den Kindern im Kreise der Familie zu verbringen. Oma in Einbeck freute sich, die beiden Mädels für sich allein zu haben. Außer Telefongesprächen hatten wir kaum Kontakt mit den Verwandten und Freunden, und unsere Urlaubstage in Deutschland waren nun knapp bemessen. Viel länger als bis Mitte Januar 1973 konnten wir nicht bleiben, jederzeit konnte uns zudem ein Telefonanruf aus Chile noch schneller zur Rückkehr zwingen.
Bei unserem Besuch im Januar 2010 in Chile nutzten wir die Gelegenheit, Reiner Schirmer und seine Frau Dorlis in Osorno zu besuchen. Es war ein ganz besonderes Erlebnis, ein ganz besonders herzliches Treffen. Wir wünschen uns, die beiden bald wieder bei bester Gesundheit zu besuchen. Bei unserem telefonischen Kontakt nach dem großen Beben vom 27.2.2010 berichtete mir Reiner, dass er zwar einen gehörigen Schrecken erfahren habe, allerdings ginge es ihm und seiner Frau bestens. Sie beide hätten das Beben ohne körperliche Schäden überstanden. Muskelkater, ja, den habe er gehabt, so heftig sei er durchgeschüttelt worden. Aber ansonsten: Keine weiteren Blessuren!
Gott sei Dank!
Osorno im Februar 2010: Reiner Schirmer und seine Frau Dorlis.
Am Abend waren Dorlis und ich zu einem Fest in der Privatwohnung unseres Anwaltes Don Pancho eingeladen. Wir, in Festkleidung gehüllt, wurden der Dame des Hauses vorgestellt. Marily Page de Diaz, eine bildhübsche blonde Frau, war Enkelin eines ehemaligen chilenischen Staatspräsidenten und wir fanden sofort mehr als nur Kontakt zueinander. Von Don Pancho wurden wir den vielen Gästen als Alemanes vorgestellt. Die Unterhaltung wurde in verschiedenen Sprachen geführt und ich erkannte viele aus der Zeitung bekannte Politiker verschiedener Ideologien und Nationalitäten. Das so etwas 1972 möglich war, ging nicht so einfach in meinen einfältigen Kopf.
Don P. war ein Germanofilo (Deutschlandfreund). Seine Laufbahn begann nach Ausbildung an der chilenischen Kadettenschule der Marine, darauf folgte ein Jurastudium an der Katholischen Universität Santiago. Später arbeitete er dann als Journalist für Zeitungen und wurde mit der Veröffentlichung seines lyrischen Buches “ Y ESE MAR” bekannt. Dann wechselte er in die diplomatische Laufbahn und war in vielen Ländern der Welt tätig. Bevor er seinen Abschied nahm, um ein Anwaltsbüro in Santiago aufzubauen, war er Kanzler der chilenischen Botschaft am Vatikan.
Das Fest verlief bis zum Morgengrauen und beim letzten Kaffee kam Pancho auf den Gedanken, uns während unseres Urlaubs in Deutschland zu treffen. Damit wurde ein Teil des Urlaubs wieder Dienst für uns. Familie Schickedanz musste vorgestellt werden und auch Ostberlin wollten mein neuer Freund Pancho und seine Frau kennen lernen. Die anstrengenden Stunden dieser Nacht brachten mich meinem Endziel aber doch näher. Die Einschreibung der Restgüter in das Grundbuch sollte meine Mission in Chile krönen und beenden. Dieses Ziel für das Fundo auch für mich zu erreichen, war aber nur über d i e s e n Anwalt möglich. Das wurde mir nach dieser Nacht, die einem Märchen aus “ 1001 Nacht” entsprungen schien, immer klarer.
Mit einem schweren Kopf stiegen wir dann ins Flugzeug und wollten nur noch schlafen, wurden aber durch unsere Töchter in die Gegenwart zurückgerufen. Das Schlafen musste verschoben werden.
Am späten Nachmittag empfingen uns Margarete und Harald Lothmann mit ihrem Pärchen Carolina und Matias am Flugplatz in Bogota. Beide Kinder waren ungefähr gleichaltrig mit den unseren und kannten sich aus Chile. Die Woche bei unseren alten Freunden und umsichtigen Gastgebern verlief wie im Fluge. Die Erlebnisse in der Allendezeit standen im Mittelpunkt unserer Gespräche. Auch Haralds Vater (Bekannter von Oma und der Familien Benecke) war schon entschädigungslos enteignet. Er hatte aufgrund der Einstufung “ schlecht bewirtschaftet” kein Restgut erhalten, obwohl sein Gut nach meiner Einschätzung einem deutschen Musterbetrieb in nichts nachstand. Die nun fast siebzigjährigen Ex-Besitzer verloren ihr Lebenswerk sowie Hab und Gut, und suchten bei ihrer in Deutschland verheirateten Tochter Unterschlupf.
In der Familie war alles gesund. Das Schuljahr ging Anfang Dezember dem Ende entgegen. Beide Töchter waren gute Schülerinnen. Die Stärke von Gabi waren die Sprachen und bei Christina hatte Mathematik den Vorrang. Einige Tage vor Schulschluss wollten wir unseren nächsten Deutschlandurlaub antreten. Wir freuten uns alle sehr darauf, aber noch fehlte ein Monat. Die Ausreiseanträge wurden zeitig gestellt und die Plätze bei der Lufthansa reserviert. Wir planten den Hinflug über Kolumbien-Venezuela-Frankfurt zu nehmen. Zurück dann ohne Flugzeugwechsel Frankfurt- New York-Santiago. Acht Tage Kolumbien waren als Besuch bei unseren Freunden, der Familie Lothmann vorgesehen. Harald Lothmann war schon vor einem halben Jahr von seiner Firma Merck / Darmstadt von Santiago nach Bogota versetzt worden.
Von meinem Urlaubsplan setzte ich nun auch meinen Mitarbeiter Carlos M. in Kenntnis. Als Ausgleich kaufte ich auf Betriebskosten eine Luftpassage Santiago-Frankfurt-Santiago für ihn. Damit hatte er die Gelegenheit, Kontakte in Deutschland (Universität Münster) für seine weitere Zukunft zu knüpfen. Für den Fall, dass unsere Mission hier in Chile doch noch fehlschlagen sollte, mussten wir alle versuchen vorzusorgen. Mein Freund aus der Zeit in Lonquen, Werner Gumpert, hatte sein Fundo (Landgut) von circa 60 ha bereits verkauft und war auf einer Orientierungsreise durch Deutschland. Er hatte mehr Befürchtungen für seine Familie in einem kommunistischen System in Chile zu leben, als als ehemals emigrierter Jude nach Deutschland zurückzukehren.
Am Wochenende vor unserem Abflug nach Deutschland fuhren Dorlis und ich für zwei Tage in das 150 Kilometer entfernte argentinische Städtchen Bariloche. Der Hauptgrund der Reise bestand darin, meinen Diplomatenpass den chilenischen und argentinischen Grenzbehörden “ zur Begutachtung” vorzulegen. Beide Seiten salutierten und ohne Zollkontrolle und Ausreiseerlaubnis erfolgte der Grenzwechsel.
In Bariloche besuchten wir das international bekannte Esslokal "El Jabali” (Das Wildschwein), welches von dem Jäger und Hotelier Hermann W. geführt wurde. H. W. organisierte für Jäger aus der ganzen Welt, aber am liebsten für Deutsche, Hirschjagden in dem schwierigen Gebiet der Anden. Auch in den kommenden Jahren riss die Bekanntschaft zwischen uns nie ab. Herrmännchen, wie er meistens genannt wurde, war seit 1945 in Argentinien ansässig. Nie sprach er über seine Vergangenheit. Spekulationen brachten ihn mit dem Reichstagsbrand der Dreißiger Jahre in Berlin in Verbindung. Ein anderes Gerücht besagte, dass er mit dem letzten, angeblich mit Nazigrößen beladenen, deutschen Unterseeboot nach Argentinien gekommen sei. Oder war er ein CIA-Mann der Vereinigten Staaten von Amerika, um Nazis in Argentinien aufzuspüren? Mir war er ein hilfsbereiter Mensch und mit seinem Tod nahm er das Geheimnis um seine Vergangenheit mit ins Grab.
Auch die Rückfahrt im Auto über den interessanten Weg durch und über die Cordillera de los Andes verlief ohne Zwischenfälle. Erneut beeindruckte mich die Reaktion der Grenzposten auf meinen Diplomatenpass. Irgendwie sind wir Menschen schon eine komische Spezies. Kann man erst ein Stück Papier vorweisen, welches einem eine gewisse Autorität verleiht, wird die Richtigkeit des Dokumentes ohne Zweifel akzeptiert.
In Osorno zurück erhielten wir unsere offiziellen Ausreisepapiere und holten dann die Kinder vom Internat ab. Nun konnte der Urlaub für die Familie Schirmer beginnen. In Santiago wurde noch für zwei Tage Station gemacht. Geschlafen wurde im Sheraton-Hotel, da man dort als Devisenbesitzer spottbillig wohnen konnte. Ein erneuter Besuch von mir in den Räumen der CORA brachte nichts Neues, außer die Erkenntnis, dass viele Funktionäre deutsch sprachen. Wie ich erst später erfuhr waren es Spezialisten aus Israel, die dort das "Kibbuzsystem" eingeführt hatten. Der südamerikanische "Freiheitsheld" Che Guevarra blickte neben Präsident Allende von großformatigen Fotografien auf die Besucher dieser Räume hinab.
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