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Monday, January 31. 2011
Liebe Leserinnen und Leser des picaflor,
zwei Jahre lang konnten wir Ihnen jeden Montag einen Abschnitt aus dem an Erlebnissen reichen Leben unseres Freundes Reiner Schirmer präsentieren. Nun sind wir am Ende seiner Biographie angelangt. Ich darf Ihnen versichern, dass ich selten einen Lebensweg so intensiv verfolgt habe, eine Biographie mich selten so gepackt hat, wie diese authentische Geschichte eines Menschen, der sein Leben mit beiden Händen gepackt und gemeistert hat.
Reiner Schirmer lebt heute so gesund und munter in Osorno im Süden Chiles, wie man es als inzwischen über 80jähriger nur tun kann. Vor genau einem Jahr traf ich ihn und seine liebe Frau Dorlis in Osorno und war tief beeindruckt von seiner Ausstrahlung und Lebensfreude, seinem Optimismus. Gerne würde ich die beiden Protagonisten der Biographie erneut treffen. So Gott will, wird dies möglich werden, ich bin da sehr zuversichtlich.
Lieber Reiner, ganz lieben und herzlichen Dank für die Erlaubnis, auf dem "picaflor" deine Lebensgeschichte und die deiner Familie abzudrucken. Diese interessante und oft bewegende Montagslektüre wird uns allen, besonders aber mir fehlen. Alles Gute für dich und deine Familie, bleib gesund, wir werden uns wiedersehen!
Deine und Eure Freunde
Heinz und Marlene
Nachwort
An meine lieben Enkelkinder Tomas, Maria-Ignacia, Valentina, Javiera, Martin, Agustina, Maria-Jose und an unser achtes Enkelkind, auf das wir uns schon sehr freuen.
Mit viel Freude habe ich dieses Büchlein geschrieben, um Euch zu erzählen, wie die Eltern Eurer Mütter Gabriele und Christina von Deutschland in das entfernte Chile gekommen sind. Nach dem unglücklichen Krieg 1939-1945 mussten viele unserer deutschen Landsleute ihre Heimat verlassen. Einige sind von den Siegermächten vertrieben worden, andere wurden aus ihren Wohnsitzen und Gütern verjagt, z.B. die Eltern von Omama, und nur wenige haben den Schritt in die Fremde freiwillig unternommen. Zu dieser letzten Gruppe gehören Eure Großeltern.
Es hat viele, viele Jahre gekostet, den Verlust der Heimat zu überwinden. Eure Eltern und auch Ihr, meine lieben Enkel, habt viel dazu beigetragen, dass wir in Chile ein neues "zu Hause" gefunden haben.
Eure Generation wird vor andere Verzichte, aber auch neue Aufgaben gestellt werden. Ihr werdet diese bestimmt genau so meistern, wie Eure Vorfahren. Eure Großeltern möchten Euch auf einige Lebenserfahrungen hinweisen, die ihnen besonders wichtig sind:
Fallen ist keine Schande, aber liegen bleiben.
Sich selbst besiegen ist der schönste Sieg.
Wer im Leben befehlen kann, muss erst gelernt haben, zu gehorchen.
Haltet immer am Glauben fest. Auch dann, wenn ihr gezwungen werdet, das andere Ufer des Flusses zu erreichen, ohne Schwimmen zu können.
Wenn Ihr mich fragt, was ich jetzt vermisse, dann werde ich Euch ehrlich sagen:
“Fast nichts, aber wiederum doch viel. Ich hätte mich gern in meiner Muttersprache mit meinen Enkeln unterhalten. Oft kann ich mich in der spanischen Sprache nicht treffend ausdrücken, nicht das sagen, was mein Herz fühlt. Und doch möchte ich Euch noch so vieles sagen, was in diesem Büchlein nicht aufgezeichnet ist. Diesen leichten, aber doch schleichenden Schmerz werdet Ihr nicht ganz verstehen können und ich wünsche Euch, davon im Leben verschont zu bleiben."
Eure Omama Dorlis und Opapa Reiner
Osorno / Chile 2002
Monday, January 24. 2011
1999 kam noch einmal ein schweres Jahr für uns. Ende April bekam ich wieder Schwierigkeiten in der Bewegung. Um die Blutzufuhr zum Herzen zu regulieren, bekam ich in einer schwierigen Operation vier Bypässe eingesetzt. Die Worte von meiner Frau, "Der liebe Gott wird Dich nicht von meiner Seite nehmen, jetzt wo wir nach langem Kampf endlich eine Familie und ein endgültiges zu Hause gefunden haben", gaben mir soviel Kraft, dass ich nach zwanzig Tagen wieder in Osorno war.
Zu meinem 70. Geburtstag hielt mein langjähriger Chef, Herr Dedi, die Festansprache und dankte Dorlis und mir noch einmal für den Erhalt seines auf ihn übergangenes Besitzes "La Poza". Enkelin Maria-Ignacia überreichte mir ein von ihr geschriebenes Büchlein mit dem Titel "Nuestro Opapa". Beim Lesen sind mir die Tränen gekommen vor Glück und Freude.
Nach der Operation wurden unsere jährlichen Fahrten nach Deutschland aufgegeben. Ich fand nicht den Mut zu der langen Flugreise mit den körperlichen Strapazen. Auch die Besuche von Freunden aus Deutschland wurden immer weniger, auch diese werden älter! Eine Ausnahme bildeten meine Schwester Sibylle mit Mann Wolfgang, die bei ihrer Südamerikareise einige Tage Aufenthalt in Chile einplanten. Jedes Alter hat eben seine Prioritäten. Warum sollte ich mich in Gefahr begeben? Ich hatte ja alles, was sich ein Mensch in meinem Alter nur wünschen kann.
Auf "Santa Christina" wurden Schwiegersohn Ignacio mit Tochter Gabi unsere Teilhaber. Ignacio übernahm nebenberuflich die landwirtschaftliche Leitung und Gabi die Buchführung des Betriebes. Der erzielte Jahresgewinn wird am Bilanztag durch zwei geteilt. So sind schon jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt. Nach uns soll Gabi die Besitzerin werden und Christina bekommt andere Grundstücke. Trotzdem fahre ich fast täglich auf das Fundo, das mir weiterhin sehr viel Freude bereitet. Dort mache ich lange Spaziergänge, schwatze mit meinen Mitarbeitern und genieße es, keine Verantwortung mehr tragen zu müssen.
Auch wurden die Fahrten von uns nach Viña del Mar immer weniger. Wir entschlossen uns, das Feriendomizil zu verkaufen und dafür zwei Eigentumswohnungen in der Nähe des Universitätsviertels in Santiago zu kaufen. Diese werden später Eigentum unserer Enkel werden. Schon jetzt als Studenten bewohnen Tomas und Maria-Ignacia ihre eigenen vier Wände, dies macht sich auch in ihren Leistungen in der Universität bemerkbar. Die jüngeren Enkel aus Christinas Familie haben die Wohnung vorerst an die Oma in Santiago vermietet.
Jetzt schreiben wir das Jahr 2002. Mein ältester Enkelsohn Tomas hat vor kurzem an der katholischen Universität den Abschluss des Studiums der Betriebswirtschaftslehre bestanden. Seine Schwester Maria-Ignacia befindet sich im vierten Semester im Studium der Zeitungswissenschaft. Dorlis und ich leben in der großzügigen Wohnung glücklich und zufrieden und werden halbtags betreut von unserer Haushaltshilfe, Frau Irene, die schon seit Jahrzehnten um uns ist. Eine große Freude für uns wurde der kürzliche Besuch meines Patensohnes Ulf mit dem mich, trotz des Altersunterschiedes, eine feste Freundschaft verbindet. Ihm ist es zu verdanken, daß meine Lebensgeschichte geschrieben und gedruckt wurde.
Monday, January 17. 2011
Wie vorher mit Gabi und Schwiegersohn luden wir im nächsten Jahr auch Matias und Christina zu einer Deutschlandfahrt ein. Die Kinder behütete die Oma in Santiago.
So lernten die beiden jungen Leute die Heimat von Dorlis und mir kennen. Auch einen Besuch in Altenburschla, in meinem geliebten Werratal und mit der immer noch gut erhaltenen Jagdhütte, richteten wir ein. Hier war die Heimat der Familie Schirmer. Zwei kleine Buchenwälder von meinem Vater gingen auf mich über und wurden kurze Zeit danach als Eigentum an meine Töchter weitergegeben. So soll die Herkunft an die in Chile eingewanderten "Alemanes" für spätere chilenische Generationen festgehalten werden.
Der Bürgermeister des Ortes erfuhr von unserem Aufenthalt in der Gemeindeschenke und die "Chilenos" erhielten am Wochenende ein musikalisches Ständchen von der einheimischen Blaskapelle der Feuerwehr, verbunden mit einer Willkommensansprache des jetzigen Bürgermeisters und ehemaligen Jugendfreundes. Schwiegersohn Matias hat sehr viel Anregungen und Beobachtungen von diesem Besuch mit nach Chile genommen. Im Jahre 1997, während eines Aufenthaltes von Herrn Dedi in Chile, besuchten unsere Freunde, die “Grabenhörster" uns noch einmal in Osorno. Zusammen wurde vieles unternommen und auch die Verbindung mit Herrn Dedi blieb sehr intensiv.
Monday, January 10. 2011
Am 10.08.1995 wurde Enkeltochter Maria-Jose geboren. Mit den Besuchen in Viña del Mar verbanden wir oft Besuche in Santiago, um das Heranwachsen unserer Enkelkinder zu beobachten. Alle unterschieden sich im Aussehen sehr voneinander. Dies ist ein sichtbares Zeichen für das chilenische, französische, spanische und deutsche Blut, daß in den Adern unserer Familie fließt.
Auch in Deutschland hatte sich durch die Wiedervereinigung viel geändert. Wir hatten nun die Möglichkeit, den unter den Kommunisten enteigneten, landwirtschaftlichen Familienbesitz kennen zu lernen. Leider war ein Besuch des Wohnhauses, welches inzwischen als Schule genutzt wurde, nicht möglich. Eine, auch nur annähernd gerechte, Lösung in der Frage der Rückgabe der enteigneten Betriebe war und ist nicht in Sicht. In dieser Hinsicht hätte dieser so genannte Rechtsstaat Deutschland sich ein Beispiel am, doch so oft kritisierten "Antidemokraten", Pinochets in Chile nehmen können. Sicherlich wurden unter der Militärregierung Fehler begannen. Das soll auch keinesfalls beschönigt werden. Aber von Fehlern ist nun mal kein politisches System in der Welt gefeit. Es kommt eben auch sehr darauf an, durch welche Brille man bestimmte Vorgänge sehen will. In Chile wurde das gleiche Problem der unter Allende stattgefundenen Agrarreform 1974 jedenfalls elegant und zur Zufriedenheit aller Bürger gelöst. Über meine persönlichen Erlebnisse habe ich ja auf den vorhergehenden Seiten ausführlich berichtet.
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