Herr und Frau Schickedanz gehörten in Deutschland zu den erfolgreichsten Unternehmern der Nachkriegszeit und waren auch bekannt für ihre soziale Einstellung gegenüber ihren Mitarbeitern. Dies setzt immer voraus, dass jemand selbst große Führungsqualitäten besitzt. Aber ließ sich das auch in den fremden Kulturkreis Chiles übertragen?
Meine Chefs wünschten, dem Dorfschullehrer von La Poza einmal Grüß Gott zu sagen, weil sie ihn drei Jahre nicht gesehen hatten.
Der Quellekatalog wurde zu diesem Besuch mitgenommen und dem Lehrer mit den Worten gezeigt: ” Wenn wir Ihnen damit behilflich sein können, werden wir Ihnen gern eine Kleinigkeit schicken.”
Ich versuchte, bei der Übersetzung den Text abzuschwächen, da ich dieses Vorgehen hier in Chile nicht für richtig hielt. In einer anderen Kultur wird auch die Bereitschaft etwas zu Schenken anders verstanden. Nach zwei Monaten schickte der Lehrer einen Brief an meine Chefs, in dem die Bitte formuliert wurde, ihm doch ein Auto zu schenken! Was hätten unsere Landarbeiter dazu gesagt. Es war nicht einfach, dieses entstandene Problem später zu lösen, ohne böses Blut zu erzeugen.
Die neuen Betriebe wurden unermüdlich abgelaufen. Auch La Poza hatte in den letzten drei Jahren gelitten. Besonders die Gebäude und die Düngung der Weiden war sträflich vernachlässigt worden.
Eine unverhoffte Kapitalspritze der Eigentümer in Form eines Schleppers kam da den beiden Betrieben gerade recht. Am Ende des Jahres liefen beide Betriebe wieder normal, die Anstrengungen hatten sich also gelohnt. Die Arbeitsleistung des Personals hatte sich ebenfalls verbessert, da die früher anfallenden Diskussionen mit den politisch ausgerichteten Gewerkschaften unterblieben.
Im Laufe des Jahres wurde der von mir angeregte Antrag auf Rückgabe von Teil C von La Poza (45 ha) von der Agrarreformbehörde genehmigt. Dieses Stück C konnte nicht als Siedlerland verwendet werden, da kein Zugang zur öffentlichen Straße bestand und das Grundstück auch nicht durch eine neue Zufahrt erschlossen werden konnte. Das neue Punktesystem der Regierung, welches sicherstellen sollte, daßss das zurückgegebene Siedlerland auch in qualifizierte Hände fiel, war inzwischen fertig. Wer z.B. eine landwirtschaftliche Ausbildung hatte, seinen Wohnsitz in der Nähe der Ländereien nachweisen konnte, wer verheiratet war etc., hatte aufgrund der verteilten Punkte gute Chancen, etwas Land zu günstigen Konditionen zu erwerben.
Auch mir wurde ein Stück Siedlerland auf La Poza angeboten, da ich an erster Stelle der Befähigungsliste von La Poza stand. Diese Möglichkeit wurde aus verständlichen Gründen von mir abgelehnt. Denn Land zu erwerben, welches meinen Arbeitgebern vormals gehört hatte, passte nicht in meine Lebensauffassung. Als Ersatz wurde mir ein Stück angeboten, deren Ex-Besitzerin verstorben war. Diese 40 ha konnten zu günstigen Bedingungen des Verkehrswertes erworben werden: 5% Baranzahlung und der Rest zu 20 Jahresquoten zuzüglich Zinsen. Nach geraumer Zeit bot mir mein Siedlernachbar seine 40 ha zum Kauf an, da seine Frau ein eigenes Fundo besaß und in Finanznöten war. Ein angrenzendes Stück von weiteren 40 ha erstand ich kurze Zeit danach.
Der Traum von der eigenen Erde hatte sich nun erfüllt. Wir besaßen 120 ha erstklassiges Land und tauften dies neu erstandene Fundo auf den Namen "Santa Christina".
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