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Monday, January 11. 2010
Nach Erreichen des Zieles haben wir den Plan zerrissen, damit kein Name der Pyramide jemals bekannt wird. Auch heute beim Schreiben dieser Zeilen möchte ich nicht anders handeln. Eins kann ich jedoch mitteilen. Die Berührung mit den Menschen verschiedener Ideologien, Konfessionen, Nationalitäten, Berufe, Jahrgänge, wohlhabend und arm, Regierungsangehörige, Berufspolitiker, Akademiker sowie Landarbeiter, korrupte und ehrliche Staatsdiener, Machtgierige und Immerbescheidene, Freunde und Feinde bei der Erreichung meines Zieles haben mich gelehrt, den Wert des einzelnen Menschen zu suchen.
Nach wiederholter Absprache mit Dorlis und auch Änderungen des Programms stand nach einer Nacht Überschlafen die Richtung fest. Meinen Plan immer im Auge war der erste Weg zu der in Osorno gebildeten Agrarreformbehörde. Viele Eigentümer gaben bei der Agrarbehörde den juristischen Einspruch gegen die Enteignung ab. Unser Besuch dorthin verlief anders, sogar teilweise harmonisch. Die Enteignungsurkunde wurde ohne Widerspruch von mir unterschrieben und auch die zehnprozentige Anzahlung der Entschädigung auf den Einheitswert angenommen. Der von der Regierung ernannte blutjunge Agraringenieur, also besser gesagt, mein Nachfolger wurde mir vom Provinzleiter der Agrarreformbehörde vorgestellt und wir verabredeten ein Treffen am kommenden Tag auf dem Betrieb.
Die Übergabe des Betriebes wurde durch das Gesetz mit einer Frist von 60 Tagen geregelt. Am nächsten Tag kam auch noch ein Gewerkschaftsboß aus Osorno mit zu dem Meeting. Vom Fundo nahmen auch noch zwei Angehörige der betriebseigenen Gewerkschaft teil. Mein Wunsch La Poza als "nicht schlecht bewirtschafteter Betrieb auch in sozialer Sicht gesehen" einstufen zu lassen, wurde einstimmig angenommen und dem Eigentümer dadurch ein Restgut von 200 ha zugesichert. Wir beschlossen, die 200 ha am Ostrand des Betriebes einschließlich des Herrenhauses festzulegen, wodurch allerdings die Melkanlage verloren ging. Das unterschriebene Protokoll ging zur Regierungsbehörde nach Santiago und wurde dort umgehend rückbestätigt.
Monday, January 4. 2010
Nun aber wieder zurück zu uns. Nach Bekanntgabe der Nachricht setzte ich mich mit Herr Dr. Schickedanz in Deutschland telefonisch in Verbindung. Ich verbrachte über sieben Stunden in der öffentlichen Telefonzentrale bis die Verbindung hergestellt wurde. Auf meine Fragen erhielt ich kurze und präzise Antworten:"Wir können das weitere Vorgehen in Chile von hier aus nicht beurteilen und dafür sind Sie ja auch unser Bevollmächtigter dort, um die notwendigen Aktionen durchzuführen. Meine Linie kennen sie. Ich verzichte auf das investierte Geld, aber bitte Sie um jeden Hektar Land zu kämpfen denn diese Krankheit, Kommunismus genannt, kann sich auf die ganze Welt ausbreiten. Diese Infektion wird eines Tages heilbar sein, wenn Sie und ich dazu beitragen den Virus auf intelligente Art an der Verbreitung zu hindern."
Die kommenden zwei Tage verbrachte ich damit, auf Millimeterpapier einen Plan in Form einer Pyramide für das weitere Vorgehen zu entwerfen. Das Ergebnis sollte ein Restbetrieb in Form von 400 Hektar mit Herrenhaus und Melkanlage als Mittelpunkt sein. Dies sollte durch Neueinschreibung im Grundbuchamt auf den Namen von zwei nicht blutsverwandten Mitgliedern der Familie Schickedanz mit je zwei Mal 200 Hektar bestätigt werden. So entstanden auf dem Papier zwei unabhängige Betriebe:
A: "Santa Louisa" mit Mittelpunkt Herrenhaus und Eigentümerin Frau Dedi geb. Schickedanz B: "Doña Grete" mit Zentrum Melkanlage und Eigentümerin Frau Schickedanz geb. Lachner.
Beide künftigen Eigentümer waren nicht blutsverwandt, da ja Frau Dedi nicht die leibliche Tochter von Frau Schickedanz war. Auf der Pyramide erschienen alle Personen, die mir beim Erreichen meines Zieles bewußt oder auch unbewußt helfen sollten. Es würde ein schwerer Weg werden und mir war klar, viele holperige Feldwege fahren zu müssen, um das gesteckte Ziel zu erreichen! Der Weg dorthin wurde die schönste und interessanteste Forderung meines Lebens.
Monday, December 28. 2009
Zur Jahresmitte 1972 wurden wir von unserem Nachbarn M. M. zum fünfzigsten Geburtstag eingeladen. Es wurde ein Fest der Feste mit einem gewissen Galgenhumor.
Wir waren uns wohl über den “Tod” unserer Betriebe im klaren, was fehlte war eigentlich nur das genaue Datum. So trafen sich dort ungefähr 150 Ehepaare und feierten "Abschied von der Vergangenheit". Die letzten Gäste gingen wohl gegen Mittag des folgenden Tages. Nur bei der Rede auf das Geburtstagskind wurde die gegenwärtige Situation erwähnt und dann nie wieder. Es war wohl im Nachhinein eine Nacht, die man nie vergessen wird.
Im Juli / August 1972 war es dann soweit. Für Einige von uns kam dieser Moment früher, für Andere später. Wir waren unter den Letzten. In der Tageszeitung las man dann das Urteil über die Tagung des Revolutionsrates. Der offizielle Bescheid wurde im "Diario Oficial”, dem Gesetzesblatt des Staates, am Wochenende veröffentlicht.
Dieser Rat spottete jeglicher Demokratie und setzte sich aus Leuten verschiedener Tätigkeiten, aber nur einer Ideologie zusammen. Durch die Veröffentlichungen der Enteignungen im Gesetzesblatt bekam der Vorgang speziell für die ausländische Presse wieder einen demokratischen Mantel, denn das Agrarreformgesetz war ja auch durch Senatsbeschluß mit Mehrheit verabschiedet worden.
Die hiesigen Genossen hatten von ihren Gesinnungsbrüdern der DDR einiges übernommen, aber es doch geschickter angewandt. So wurde zum Beispiel bei den ausgesprochenen Enteignungen nie der Name des Besitzers genannt, sondern die im Katasteramt geführte Flurnummer. Enteignet wurde das Land mit allen darauf verankerten Gegenständen wie Gebäuden und Bäumen, aber ohne lebendes und totes Inventar.
Der Wert von Vieh und Maschinen wurde dadurch bei Verkauf um über 50% gemindert und einiges wurde sogar unverkäuflich.
Monday, December 21. 2009
Die Streikposten ließen ihn mit den Worten "einmal und nie wieder" passieren.
Am kommenden Tag weigerte sich mein Mitarbeiter, noch einmal diese Fahrt durchzuführen. Es blieb mir kein anderer Weg, als selbst das nun noch verstärkte Risiko auf mich zu nehmen.
Wieder kam mein Unternehmen auf den Nebenwegen bis vor das Tor der Molkerei. Die Streikposten, eine Mischung von Landwirten und Fuhrunternehmern, holten mich mit gezogener Pistole vom Traktor. Zum Glück für mich erschien der "Verantwortliche" an diesem Ort, ein mir bekannter Kollege.
Ich versuchte ihm meine persönliche Situation begreiflich zu machen, die er auch vollkommen verstand. Wir einigten uns darauf, auch in den kommenden Tagen die Milch durch mich an die Molkerei zu liefern, aber den Gegenwert in Geld an die Streikorganisation abzuführen. So konnte ich mich auch gleichzeitig der für den Ausländerbetrieb gefährlichen Situation entziehen, gegen Landesinteressen zu verstoßen.
Die Enteignung des Betriebes kam immer näher. Viele unter der Enteignungsgrenze liegende Betriebe versuchten ihre Ländereien zu Spottpreisen zu verkaufen, um mit den Familien Chile zu verlassen. Devisen wie US-Dollar oder D-Mark bekam man in den Banken nur bei von der Regierung vorher genehmigten Auslandsreisen, nach Abzug einer Reisesteuer.
Ausreisewillige wurden dadurch aber von ihrem Vorhaben nicht abgebracht. Auch hier in Osorno auf der "Plaza" entstand ein Devisenschwarzmarkt.
Für 100 US-Dollar konnte eine vierköpfige Familie für 14 Tage einschließlich Halbpension im Hotel Sheraton leben. Die Inflation steigerte sich von 20 % bis zum Schluß auf 60 % pro Monat! Chaos und Angst war die Losung für den Besitzenden, aber auch Unsicherheit bei den Menschen, die den Kommunismus nicht zu ihrer Ideologie gewählt hatten. Defined tags for this entry: Allende, Chile, Fürth, Kommunismus, La Poza, Leben zwischen zwei Kulturen, Quelle, Reiner Schirmer, Salvador, Schickedanz, Schwarzmarkt
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