27. Mai 2004
Das Telefon schrillt. Wer mag das sein ? Ich schaue auf die Uhr: es ist halb drei Uhr in der Frühe. Ob sich da jemand verwählt hat; soviele sind wir ja nun auch wieder nicht an Bord. Aber wer mich stört, wird sicherlich einen guten Grund dazu haben, also packt mich die Neugier und ich begebe mich an den Hörer. “Guten Morgen, hier spricht der Chefingenieur” tönt es frohgemut aus der Leitung, “also, wir gehen jetzt rein, und wenn Sie den Kanaleingang und die Brücke der beiden Amerikas sehen wollen, dann wäre es jetzt soweit !” Ich bin sofort hellwach – wir durchqueren den Kanal ! “Komme sofort - auf die Brücke, nicht wahr ?!” Flugs ziehe ich mir die Klamotten an, denen ich im Eifer des Gefechtes habhaft werden kann, und eile die Stufen zur Brücke hinauf. Ich trete leise ein, ohne Gruss, denn man soll auf der Brücke möglichst nicht stören, das ist Bedingung für den Zutritt, insbesondere wenn Lotsen am Werk sind. Die Brücke sieht ganz dunkel und eigenartig aus: alle drei Radarmonitore sind eingeschaltet und tauchen die Kommandoebene in ein gespenstisch grünes Licht. Still ist es, bis auf die kurzen Kommunikationen des Funkverkehrs, ausschliesslich in Englisch, und die knappen Befehle des Lotsen an den Rudergänger, die dieser immer erst wiederholt und bei Erreichen des angesagten Kurses erneut kurz bestätigt. Ich trete auf den rechten Aussenflügel der Brücke; hinter uns liegt bereits die Stadt Panama in ihrem Lichterschein und vor uns die Brücke die Nord- und Südamerika über die künstliche Wasserstrasse wieder miteinander verbindet. Der Anblick ist großartig: die gelben Lichter der Brücke, über die noch Autoverkehr rollt, die blauen Positionsleuchten unseres Schiffes, die roten und grünen Lichter der Schleuseneinfahrt. Wir gleiten langsam und lautlos voran, so dass man sich fast wie in einem Raumschiff fühlt, das an eine Weltraumstation andockt. Die Luft ist tropisch warm und recht feucht. Man spürt die Nähe der Karibik. Im Hintergrund flammen Blitze eines tropischen Gewitters und erleuchten den nächtlichen Hotizont. Wir nähern uns den Schleusen von Miraflores. Schlepper “Parfitt” und “Burnett” nehmen uns in die Zange um uns in die Schleuse zu bugsieren.
Das ist Zentimeterarbeit, bei der Durchfahrt bleibt uns weniger als ein Meter an Freiraum, und dieser muss noch auf beide Seiten verteilt werden. Während die Schlepper uns in Position schieben, werden die Kabel der elektrischen Lokomotiven am Schiff befestigt. Je ein Paar dieser chromglänzenden Zugpferde ziehen uns vorne links und vorne rechts. Ein weiteres Paar ist hinter uns und hält uns in der Fahrrinne auf Kurs. Durch Zahnradantrieb erklettern diese Eletrolokomotiven wie tüchtige Bergziegen die Betonbuckel, die sie auf die nächste Schleusenebene bringen. Wir bewältigen den Höhenunterschied, indem wir uns in der Schleusenkammer einfach hochpumpen lassen. Und müssen uns sputen, denn hinter uns steht schon die “Santiago Express” von Hapag Lloyd wartend bereit. Aber ihr wird die andere Schleuse zugeteilt, und so liegen wir Kopf an Kopf nebeneinander in den Schleusenkammern.
Als wir die Schleuse verlassen erwartet uns ein neuer, atemberaubender Anblick. Quer über den Kanal errichtet eine deutsche Baufirma für Panama eine große Hängebrücke. Die Kabel glitzern weiß im blassen Morgenlicht, es fehlt nur noch ein kurzes Mittelstück um beide Teile zu verbinden.
Mit dem Durchqueren der Pedro Miguel Schleuse erwacht der Tag; aus dem panamenischen Tropenwald steigt morgendlicher Nebel auf. Die Sonne wirft ihre ersten Strahlen auf das satte Grün der üppigen Vegetation. Die Vögel beginnen ihre ersten morgendlichen Flüge und mehr und mehr wimmelt es um einen herum von verschiedensten Insekten. Käfer, Libellen und viel anderes Krabbelgetier kommt einen besuchen.
Solange mir die Gelbfieber übertragende Mücke verschont bleibt, ist mir alles recht, denke ich, in Erinnerung an meine reisevorbereitende Gelbfieber-Pflichtimpfung im Hospital in Santiago. Die Gelbfieberimpfung ist Vorschrift für die Panama-Passage und wird vor Reiseantritt überprüft. Zu viele Arbeiter sind damals an der Krankheit gestorben, ein richtiges Gegenmittel kennt die Medizin bis heute nicht, aber vorbeugende Impfung erhöht den Widerstand, um an einer Infektion nicht zu erkranken. Wir setzen unsere Reise fort durch den schmalen Gaillard-Cut, in Richtung Gamboa und dem Gatunsee. Unser Kapitän weist mich auf ein bekanntes Gefängnis hin und drückt mir sein Fernglas in die Hand. “Renacer” lese ich dort, also “Wiedergeburt” - so heißt diese Bekehrungsstätte, in der die Insassen schon am Morgen Fußball spielen. Auch nach Krokodilen am Flussufer halte ich Ausschau, aber die sind anscheinend zum Frühstück. Ich tue es den Krokodilen gleich; Patricio kredenzt mir den letzten Pampelmusensaft, ein Paar Spiegeleier, Toast und Aufschnitt. So steige ich frischgestärkt erneut auf die Brückenflügel. Mittlerweile ist es schon ziemlich sonnig und tropisch feuchtwarm. “92 Grad Luftfeuchtigkeit”, meint der Kapitän. Der Schweiß dringt mir bald aus allen Poren. Uns begegnen eine Menge Schiffe auf dem flussartigen Gaillard-Cut, unter anderem die “CSAV Peru” der chilenischen Konkurrenzlinie. Meine Kamera steht kaum still, denn immer wieder kommen uns neue, grosse und interessante Schiffe entgegen. Containerschiffe, Gasschiffe, Spezial-transportschiffe und RoRo’s, also Roll on/Roll off’s, die häufig zum Pkw-Transport genutzt werden.Vor der Gatunschleuse müssen wir warten, denn unser Schwesterschiff, “CCNI Arauco” befindet sich im Schleusenverkehr landeinwärts und das bedarf auf der Seite des Atlantik mehr Zeit, da an Stelle von zwei Schleusen mit zwei parallelen Kammern wie vom Pazifik aus hier eine parallele Schleuse mit jeweils drei Kammern zu passieren ist. Das bedeutet, dass sechs Kammern mit Wasser gefüllt und entleert werden müssen. Gegen Mittag dürfen wir einfahren. Diesmal sind die Schlepper “Herrera”, “Paz” und “Alianza” behilflich. Das Boot “Mero” bringt die Panamesen, die für die Stahlkabelverbindung zwischen Lokomotive und Schiff zuständig sind. Alles dunkelhäutige Riesen, die jeder Basketball-Mannschaft sehr gut zu Gesicht stehen würden. Der Schlepper gibt sein Äußerstes, um uns bestmöglich in Position zu bugsieren. Dabei zieht er bisweilen an seinem Stahlkabel wie ein Hund, der nicht will, dass ihm sein Knochen weggenommen wird. Dann sinkt unser 45.000 Tonner dreimal nacheinander so tief hinab, dass er von oben kaum noch zu sehen gewesen sein dürfte. 36 Höhenmeter müssen in drei Schleusen abgebaut werden, also 12 Meter pro Schleusenkammer überwunden werden. Das nasse Mauerwerk passiert nur eine Armlänge vor meinen Augen hinauf; Zeugin einer nahezu hundert Jahren alten Geschichte. Der Staat Panama hat im vergangenen Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum gefeiert, bald feiert der Kanal dieses Jubiläum. Die Schleusenwände geben Kratzer, Metallhaken, Klettersprossen und grüne Algen frei. Die Schleusentore, der Kanal hat insgesamt 40 Paare davon, stammen alle noch aus der Zeit des Kanalbaus. Sie werden alle 10 bis 15 Jahre abmontiert, gewartet und renoviert. Nachdem wir die letzte Kammer der Gatunschleuse hinter uns gelassen haben, laufen wir den Fluss in Richtung Atlantik entlang. Durch den Einfluss des Meeres wird es langsam angenehmer. Nichtsdestotrotz habe ich mir an Hals und Armen einen Sonnenbrand geholt; also schnell unter die Dusche und gleich gut eingecremt, dann komme ich vielleicht noch einmal glimpflich davon. Zum Wochenende sollen wir in Cartagena sein. Ob wir Zeit und Gelegenheit haben, die Stadt zu besuchen oder Einzukaufen, wird von unserem Ladeplan bestimmt werden. Der sieht momentan nur einen Container zur Entladung vor – wieviel Container wir zuladen werden, werden wir aber erst wissen, wenn wir dort angelegt haben. Cartagena, deren Altstadt sehr schön sein soll, ist unser letzter Ankerpunkt vor dem Überqueren des Atlantiks. Nicht nur ich werde in Bilbao von Bord gehen, auch ein Teil der Crew der “CCNI Atacama” wird in Spanien ausgewechselt.
Peter Erdtmann können Sie an
dieser Stelle auf seiner Reise begleiten. Jeden Montag erscheint ein weiteres
Kapitel seines Buches "Weg zurück nach vorn" mit den interessantesten
Eindrücken von seiner 30tägigen Seereise.
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