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Monday, May 14. 2007
Es ist kurz vor eins; wir legen ab. Die " Beetelgeuse" bringt den Lotsen an Bord, einen dicken Kerl ohne Uniform. Schlepper " Koyam" hat sich bereits in Position gebracht und hält die " CCNI Atacama" von Meeresseite auf Position, während landseitig die Tampen von den Schwimmankern gelöst werden. Der zweite Offizier, der im Gegensatz zum Rest der Crew von eher schmaler Figur ist und in seinem weißen Overall und dem weißen Helm fast an einen Politoffizier erinnert, koordiniert die Arbeiten mit Tauen und Tampen, bedient die Motorwinde und fasst stets, wo notwendig, behende mit an. Kurz darauf wechselt die "Koyam" die Position und schiebt vom Land her den Bug des Schiffes weiter in die Fahrrinne hinein und wir nehmen eigene Fahrt auf.
Die Schaukelei an Bord bekommt mir gut. Sie hilft mir wieder ein bisschen, ins Gleichgewicht zu kommen. Viele Jahre intensiver Arbeit liegen hinter mir, einseitiges Leben, einseitige Ernährung, sehr viel Zeit dem Beruf, wenig dem Privatleben gewidmet. Die Regelmäßigkeit des Lebens an Bord macht daher besondere Freude. Es gibt Frühstück, Mittagessen und Abendessen in ausreichender Menge und immer wohlschmeckend. Interessant, dass man, obwohl man ja eigentlich nichts tut, stets hungrig ist. Mein Magen hat sich ebenfalls an den neuen Rhythmus gewöhnt und ist dankbar, zu festen Futterzeiten mal kein Sandwich, sondern gesunde, natürliche Nahrung zu bekommen. Es gibt Suppe, Fleisch, Fisch, Ei, Gemüse und Obst; alles in allem eine gut ausgewogene Ernährung. Patricio hat mich zum allmorgendlichen Grapefruitsaft überredet und ist fest davon überzeugt, dass ich davon bis Bilbao fünf Kilo abnehmen werde. Naja, bisher habe ich nur von Leuten gehört, die auf Schiffspassagen zugenommen haben. Interessanterweise scheint diese Reiseart heutzutage wieder mehr Liebhaber zu finden, obgleich man meinen sollte, dass gerade heute, in unserer hektischen Zeit, kein Platz mehr dafür ist. Oder vielleicht gerade deshalb ? Vielleicht ist es gerade die Schnelle unseres Zeitgeschehens, die Menschen in Meditationsseminare oder auf lange Seereisen gehen lässt; eine Flucht aus dem Hier auf der Suche nach sich selbst ?
 Der Abend entschädigt mit einem gelbwarmen Sonnenuntergang, der, je mehr er aus der horizontalen Wolkenschicht dem Horizont entgegensinkt, immer goldener wird, um gegen 6 Uhr kupferfarben im Meer zu versinken. Der Chefingenieur, ein großgewachsener, kräftiger Mann, macht Fotos von der untergehenden Sonne. Irgendwo dort liegt Australien, schmunzelt er. Jetzt geht in Japan die Sonne auf. Recht hat er, alles ist miteinander verbunden. Bei uns geht die Sonne unter, um bei den Japanern am Horizont aufzugehen. Gegen 11 Uhr nachts sollen wir in Antofagasta sein, meint der Kapitän. Einige frohlocken; das sei gerade die richtige Zeit, um nochmal auf die Piste zu gehen.
Peter Erdtmann können Sie an dieser Stelle auf seiner Reise begleiten.
Jeden Montag erscheint ein weiteres Kapitel seines Buches "Weg zurück nach vorn" mit den interessantesten Eindrücken von seiner 30tägigen Seereise.
Monday, April 23. 2007
Es ist Nachmittag; ich sitze in meiner Kabine und habe das rechteckige Bullauge geöffnet, das zum Heck weist. Das dumpfe, monotone Summen des Schiffsdiesels erfüllt die Luft. In der Ferne, über die blaue Bucht mit ihren kleinen weißen Wellen hinweg, liegt Chañaral, und wirkt, von hellem Sand umgeben, wie eine Beduinenstadt.
Auf der Schnellstrasse vor der Stadt, der berühmt-berüchtigen Panamerikana, die Südamerika von Nord nach Süd durchquert, fahren Lastwagen, die aus der Ferne wie schwer beladene Ameisen aussehen. Trockene, warme Luft wabert in meine Kabine. Über dem Meer segeln Möwen leicht vor sich hin und Pelikane unternehmen ihre majestätischen Flüge zum Fischfang. Die Küste vor Chañaral sei reich an Fisch, sagte mir einer der Männer an Bord; es reiche schon, eine Leine ins Wasser zu werfen und schon hätten sie angebissen.

Peter Erdtmann können Sie an dieser Stelle auf seiner Reise begleiten.
Jeden Montag erscheint in den kommenden Monaten ein weiteres Kapitel
seines Buches "Weg zurück nach vorn" mit den interessantesten
Eindrücken von seiner 30tägigen Reise.
© Texte/Fotos: Peter Erdtmann
Monday, April 16. 2007
14. Mai 2004
Wir dümpeln immer noch vor Chañaral dahin. Der Morgen ist gekommen und gibt den Blick auf die Sanddünen frei, die die Wüste vor unseren Augen verbergen. Unser Schiff trägt ja selbst den Namen der trockensten Wüste unseres Globus, Atacama. Wenn man in der Atacama-Wüste stehen bleibt, ist es so still, dass man seinen eigenen Herzschlag hören kann. Und vielleicht im Hintergrund das Ticken des sich ausdehnenden Metalls des Motors seines Autos. Für viele Europäer ein bedrohliches Fleckchen Erde; die Wüste, Trockenheit und Sand bis zum Horizont, eine Affenhitze am Tag und Minustemperaturen in der Nacht. Aber trotz allem: Die Wüste in Chile hat ihre Reize. Im Frühjahr, wenn sie nach einem seltenen, ungewohnten Regenfall blüht und große Teile sich in einen riesigen, bunten Blumenteppich verwandelt haben: Im Norden, nahe der Seestadt Iquique, wo die beiden größten Salpeterwerke Humberstone und Santa Laura liegen, die mittlerweile zum Nationaldenkmal erhoben wurden. Weiter südlich, bei Antofagasta, wo sich viele der alten, kleinen Salpeterminen befinden, die nahezu aneinander gereiht einer großen Epoche das Totengeleit zu geben scheinen. Wo alles staubtrocken und so still ist, dass man den Wind singen hört und sich alsbald nach einem Glas Wasser zu sehnen beginnt.
Ich habe eine der Plastikmünzen der Compañía de Salitres de Antofagasta, die ich stets bei mir trage. Sie hat mir bisher immer Glück gebracht. Im vergangenen Jahrhundert gab jede Salpetermine ihre eigene Währung heraus. Damit wurden die Arbeiter bezahlt und konnten ihre Waren einkaufen; natürlich im firmeneigenen Laden. Viele abertausend Menschen waren auf diese Weise in der Wüste beschäftigt und sie kamen aus aller Herren Länder.
Wir warten darauf, dass die "M/V Cuxhaven" uns den Liegeplatz freigibt, und auf die zwei Schlepper, die uns dorthin begleiten sollen. Von der Brücke aus kann ich mit dem Fernglas erkennen, dass der Lotse an Bord geht und die Schlepper sich in Position bringen. Langsam beginnt sich die "M/V Cuxhaven" zu bewegen und gibt den sehr kurzen Liegeplatz frei. Kurz daraufhin kommt der Lotse zu uns an Bord. Unterstützt von den Schleppern "Kirke" und "Koyam" wird unsere "Atacama" in Position gebracht. Ein paar Seehunde stecken ihre Nasen in respektvoller Entfernung aus dem Wasser und schauen neugierig unserem Treiben zu. Das ganze Verfahren ist eine konzertierte Aktion und der Lotse ist ihr Dirigent. Die Schlepper drücken uns wie buhlende Liebhaber, so lange, bis wir am kurzen Kai von Chañaral festmachen können. Dort warten nun 1.900 Tonnen Kupferplatten-Bündel auf uns, die mit uns auf die Reise nach Europa gehen.
Peter Erdtmann können Sie an dieser Stelle auf seiner Reise begleiten.
Jeden Montag erscheint in den kommenden Monaten ein weiteres Kapitel
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© Texte/Fotos: Peter Erdtmann Defined tags for this entry: Antofagasta, Atacama, Chañaral, Humberstone, Iquique, Kirke, Peter Erdtmann, Reise des Peter Erdtmann, Santa Laura, Schifffahrt, Wüste
Monday, April 9. 2007
Erneut erwacht, steige ich hoch zur Kommandobrücke im letzten Stock. Dort treffe ich den 1. Offizier, einen jungen Rumänen. Er zeigt mir die Anlagen,beantwortet ruhig und geduldig meine Fragen. Wir sprechen über seine Heimat Rumänien und stolz zeigt er mir die Pläne des Hafens von Constanza, welcher in der Größe kurz hinter dem europäischen Rotterdam steht.
Von den Brückenflügeln mache ich ein paar Aufnahmen vom Schiff in voller Fahrt. Die Luft ist erstaunlich lau, ich friere nicht trotz meines kurzärmeligen Polo-Shirts. Danach werfe ich einen Blick auf die Seekarte, in die der 1. Offizier soeben die Position zur vollen Stunde eingetragen hat und überschlage die Entfernung bis nach Chañaral mittels der innerhalb der letzten Stunden zurückgelegten Strecken. In gut einer weiteren Stunde dürften wir in Barquito sein, in ungefähr zwei Stunden angedockt am Pier liegen. Es ist ein kleiner Hafen, in dem fast ausschließlich Kupfer verladen wird, eine Krux für ein so großes Schiff wie die Atacama. Man verliert viel Zeit mit dem Manövrieren in so einem kleinen Anlegeort.
Ich bedanke mich und steige zum Abendessen die 6 Stockwerke hinab. Es gibt Suppe, ein Riesenschnitzel mit Reis, und einen Apfel zum Nachtisch. Den Apfel verspeise ich auf dem Achterdeck; dort fliegen bereits einige Insekten umher. Allzu fern sind wir dem Land anscheinend nicht mehr. Nach acht Uhr erscheinen an der Küste die ersten Lichter. Chañaral ist in Sicht. Die Atacama nähert sich langsam dem Hafen und dreht dann mit dem Bug landeinwärts um zu Ankern. Wir werden die Nacht außerhalb des Hafens verbringen, denn dort ist noch ein weiteres Schiff und der Liegeplatz ist zu klein, um ein zweites zuzulassen. Morgen werden wir anlegen und an einer Luke Kupferplatten an Bord nehmen.
Peter Erdtmann können Sie an dieser Stelle auf seiner Reise begleiten.
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© Texte/Fotos: Peter Erdtmann
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