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Monday, March 8. 2010
An den Tagen darauf machten wir eine Tagesfahrt zu der berühmten Salzkathedrale in einem ehemaligen Kaliwerk. Die Höhle war in das Gestein geschlagen und ungefähr ebenso hoch wie der Kölner Dom. Alle Würdenträger der katholischen Kirche Kolumbiens fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Der Besuch dieses Ortes beeindruckte uns alle sehr. Genau so faszinierend wurde der Besuch des Goldmuseums. Einmalige Schätze der Inkazeit mit dem berühmten Floß in Gold ließen uns die Gegenwart zeitweilig vergessen.
Kaltes und trübes Wetter empfing uns in Deutschland. Im Parkhotel Fürth bekamen wir geräumige Zimmer und die Kinder hatten Abwechslung mit dem vielseitigen Fernsehprogramm. Auch der Fürther Marktplatz mit dem schon rührigen Weihnachtsmarkt lag gegenüber. Es fing auf einmal an zu schneien und eine Weihnachtsstimmung, wie sie eben nur in der Heimat Deutschland zu spüren ist, breitete sich in und um uns aus.
Mein erster Weg, in Begleitung von Dorlis, ging zur Berichterstattung in die Hauptverwaltung. Die Familie Schickedanz bekam einen Bericht zur Lage und hörte so alles das, was von mir in Chile nicht aufs Papier gebracht werden durfte. Man wusste es zu würdigen, das wir von allen deutschen Investoren fast als einzige noch "am Ball" waren. Ich kündigte auch den Besuch von Rechtsanwalt Pancho zum Besuch in Deutschland an. Herr Dr. Schickedanz kam auf den Gedanken, das Gastehepaar auch zur Besichtigung der zu dieser Zeit modernsten Computeranlage des Versandhauses Quelle einzuladen. Herr Dedi erweiterte den Vorschlag und bat Dorlis und mich, mit den Gästen einige Tage in das Hotel Kempinski nach Berlin zu fahren. Danach sollte die Besichtigung von München und anderer Sehenswürdigkeiten in Deutschland den Besuch abrunden. Nach dem Gespräch fuhren wir noch weiter zum weltbekannten Christkindlmarkt in Nürnberg. Auch für uns Alte wurde dies ein großes Erlebnis, ganz zu Schweigen von den Kindern.
Am nächsten Tag fuhren wir mit einem fast neuen Audi vom Fuhrpark Quelle in Richtung Familie. Die Zeit eilte schon wieder, denn in einer Woche mussten wir ja wieder am Flugplatz in Frankfurt sein, um für zehn Tage den Gästen aus Chile unser Vaterland zu zeigen. Weihnachten hofften wir dann mit den Kindern im Kreise der Familie zu verbringen. Oma in Einbeck freute sich, die beiden Mädels für sich allein zu haben. Außer Telefongesprächen hatten wir kaum Kontakt mit den Verwandten und Freunden, und unsere Urlaubstage in Deutschland waren nun knapp bemessen. Viel länger als bis Mitte Januar 1973 konnten wir nicht bleiben, jederzeit konnte uns zudem ein Telefonanruf aus Chile noch schneller zur Rückkehr zwingen.
Monday, January 4. 2010
Nun aber wieder zurück zu uns. Nach Bekanntgabe der Nachricht setzte ich mich mit Herr Dr. Schickedanz in Deutschland telefonisch in Verbindung. Ich verbrachte über sieben Stunden in der öffentlichen Telefonzentrale bis die Verbindung hergestellt wurde. Auf meine Fragen erhielt ich kurze und präzise Antworten:"Wir können das weitere Vorgehen in Chile von hier aus nicht beurteilen und dafür sind Sie ja auch unser Bevollmächtigter dort, um die notwendigen Aktionen durchzuführen. Meine Linie kennen sie. Ich verzichte auf das investierte Geld, aber bitte Sie um jeden Hektar Land zu kämpfen denn diese Krankheit, Kommunismus genannt, kann sich auf die ganze Welt ausbreiten. Diese Infektion wird eines Tages heilbar sein, wenn Sie und ich dazu beitragen den Virus auf intelligente Art an der Verbreitung zu hindern."
Die kommenden zwei Tage verbrachte ich damit, auf Millimeterpapier einen Plan in Form einer Pyramide für das weitere Vorgehen zu entwerfen. Das Ergebnis sollte ein Restbetrieb in Form von 400 Hektar mit Herrenhaus und Melkanlage als Mittelpunkt sein. Dies sollte durch Neueinschreibung im Grundbuchamt auf den Namen von zwei nicht blutsverwandten Mitgliedern der Familie Schickedanz mit je zwei Mal 200 Hektar bestätigt werden. So entstanden auf dem Papier zwei unabhängige Betriebe:
A: "Santa Louisa" mit Mittelpunkt Herrenhaus und Eigentümerin Frau Dedi geb. Schickedanz B: "Doña Grete" mit Zentrum Melkanlage und Eigentümerin Frau Schickedanz geb. Lachner.
Beide künftigen Eigentümer waren nicht blutsverwandt, da ja Frau Dedi nicht die leibliche Tochter von Frau Schickedanz war. Auf der Pyramide erschienen alle Personen, die mir beim Erreichen meines Zieles bewußt oder auch unbewußt helfen sollten. Es würde ein schwerer Weg werden und mir war klar, viele holperige Feldwege fahren zu müssen, um das gesteckte Ziel zu erreichen! Der Weg dorthin wurde die schönste und interessanteste Forderung meines Lebens.
Monday, December 28. 2009
Zur Jahresmitte 1972 wurden wir von unserem Nachbarn M. M. zum fünfzigsten Geburtstag eingeladen. Es wurde ein Fest der Feste mit einem gewissen Galgenhumor.
Wir waren uns wohl über den “Tod” unserer Betriebe im klaren, was fehlte war eigentlich nur das genaue Datum. So trafen sich dort ungefähr 150 Ehepaare und feierten "Abschied von der Vergangenheit". Die letzten Gäste gingen wohl gegen Mittag des folgenden Tages. Nur bei der Rede auf das Geburtstagskind wurde die gegenwärtige Situation erwähnt und dann nie wieder. Es war wohl im Nachhinein eine Nacht, die man nie vergessen wird.
Im Juli / August 1972 war es dann soweit. Für Einige von uns kam dieser Moment früher, für Andere später. Wir waren unter den Letzten. In der Tageszeitung las man dann das Urteil über die Tagung des Revolutionsrates. Der offizielle Bescheid wurde im "Diario Oficial”, dem Gesetzesblatt des Staates, am Wochenende veröffentlicht.
Dieser Rat spottete jeglicher Demokratie und setzte sich aus Leuten verschiedener Tätigkeiten, aber nur einer Ideologie zusammen. Durch die Veröffentlichungen der Enteignungen im Gesetzesblatt bekam der Vorgang speziell für die ausländische Presse wieder einen demokratischen Mantel, denn das Agrarreformgesetz war ja auch durch Senatsbeschluß mit Mehrheit verabschiedet worden.
Die hiesigen Genossen hatten von ihren Gesinnungsbrüdern der DDR einiges übernommen, aber es doch geschickter angewandt. So wurde zum Beispiel bei den ausgesprochenen Enteignungen nie der Name des Besitzers genannt, sondern die im Katasteramt geführte Flurnummer. Enteignet wurde das Land mit allen darauf verankerten Gegenständen wie Gebäuden und Bäumen, aber ohne lebendes und totes Inventar.
Der Wert von Vieh und Maschinen wurde dadurch bei Verkauf um über 50% gemindert und einiges wurde sogar unverkäuflich.
Monday, December 21. 2009
Die Streikposten ließen ihn mit den Worten "einmal und nie wieder" passieren.
Am kommenden Tag weigerte sich mein Mitarbeiter, noch einmal diese Fahrt durchzuführen. Es blieb mir kein anderer Weg, als selbst das nun noch verstärkte Risiko auf mich zu nehmen.
Wieder kam mein Unternehmen auf den Nebenwegen bis vor das Tor der Molkerei. Die Streikposten, eine Mischung von Landwirten und Fuhrunternehmern, holten mich mit gezogener Pistole vom Traktor. Zum Glück für mich erschien der "Verantwortliche" an diesem Ort, ein mir bekannter Kollege.
Ich versuchte ihm meine persönliche Situation begreiflich zu machen, die er auch vollkommen verstand. Wir einigten uns darauf, auch in den kommenden Tagen die Milch durch mich an die Molkerei zu liefern, aber den Gegenwert in Geld an die Streikorganisation abzuführen. So konnte ich mich auch gleichzeitig der für den Ausländerbetrieb gefährlichen Situation entziehen, gegen Landesinteressen zu verstoßen.
Die Enteignung des Betriebes kam immer näher. Viele unter der Enteignungsgrenze liegende Betriebe versuchten ihre Ländereien zu Spottpreisen zu verkaufen, um mit den Familien Chile zu verlassen. Devisen wie US-Dollar oder D-Mark bekam man in den Banken nur bei von der Regierung vorher genehmigten Auslandsreisen, nach Abzug einer Reisesteuer.
Ausreisewillige wurden dadurch aber von ihrem Vorhaben nicht abgebracht. Auch hier in Osorno auf der "Plaza" entstand ein Devisenschwarzmarkt.
Für 100 US-Dollar konnte eine vierköpfige Familie für 14 Tage einschließlich Halbpension im Hotel Sheraton leben. Die Inflation steigerte sich von 20 % bis zum Schluß auf 60 % pro Monat! Chaos und Angst war die Losung für den Besitzenden, aber auch Unsicherheit bei den Menschen, die den Kommunismus nicht zu ihrer Ideologie gewählt hatten. Defined tags for this entry: Allende, Chile, Fürth, Kommunismus, La Poza, Leben zwischen zwei Kulturen, Quelle, Reiner Schirmer, Salvador, Schickedanz, Schwarzmarkt
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