Die Worte von Frau Schickedanz kamen zwar überraschend für mich, aber verschlugen mir nicht die Sprache. Ein klares “ Nein” war meine Antwort, fügte aber auch gleichzeitig hinzu, dass meine Gründe mehr politischer als persönlicher Art seien. Darauf schaltete sich sofort Herr Dr. Schickedanz ein: “ Herr Schirmer, das müssen Sie mir aber näher erklären.”
So begann ich mit meinen Ausführungen: "In meiner Jugend als junger Hitlerjunge und späterer SS-Mann bin ich schon einmal von einem politischen System schwer enttäuscht worden. Im letzten Weltkrieg sah ich erst zum Schluss, welchen Trümmerhaufen die beiden Ideologien des Nationalsozialismus in Deutschland und des Faschismus in Italien hinterlassen hatten. Sicherlich, die Alliierten, allen voran die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten der USA waren auch nicht ganz schuldlos an dem vielen Leiden in Europa. Die Bombardierung der deutschen Städte, besonders Dresdens im Jahr 1944, hat das Kriegsende nicht beschleunigt, aber unter der Zivilbevölkerung viel Leid angerichtet. Hier in Europa galt für meine Generation das von Cäsar im alten Rom geprägte Wort “Wehe dem Besiegten”. Die letzten zehn Jahre haben bewiesen, dass die kommunistische Sowjetunion außerordentlich aggressiv ist. Inzwischen steht ganz Osteuropa unter ihrem Einfluss. Für China und Kuba gilt das Gleiche. Auch diese Länder werden, sei es in Asien oder in Mittel- und Südamerika, versuchen, sich weitere Staaten untertan zu machen. Auch in Chile spitzt sich dieser Machtkampf zu. Dabei geht es neben der Etablierung der eigenen Ideologie um ganz massive wirtschaftliche Interessen, z.B. um die strategisch wichtige Magellanstraße mit ihren Bodenschätzen. Dieses wichtige Gebiet in den Händen der Sowjets hätte die kommunistische Weltumklammerung abgeschlossen.
Auch in den letzten Jahren konnte man merken, wie unverantwortliche sozialistische und kommunistische Volksvertreter die Bevölkerung in Chile mit den gleichen Worten verdummten, die ich auch aus dem kommunistischen Teil Deutschlands kannte. Parolen wie “Das Land gehört in die Hände der Landarbeiter” oder “ Enteignet die Großgrundbesitzer” waren für mich nichts neues. Die Familie meiner Frau hat die volle Härte einer kommunistischen “Agrarreform” am eigenen Leib erfahren. Weiterhin bildeten sich in Chile selbsternannte, pseudointelektuelle Gruppen von "Freiheitskämpfern", gleich der in Deutschland aktiven Baader-Meinhof-Gruppe. Deshalb glaube ich, dass die Gefahr, in ein kommunistisches Joch zu fallen, in Lateinamerika, speziell in Chile, akuter ist als hier 50 Kilometer vor dem eisernen Vorhang. Als Ausländer in einem kommunistischen Land zu leben wünsche ich niemandem, denn die Schuld wird immer zuerst dem Gringo gegeben.”
Mit diesen Worten beendete ich meinen kleinen Vortrag. Sofort ergriff Herr Dr. Schickedanz das Wort: "Herr Schirmer, glauben Sie auch an Gefahr für unser Gut in Chile?" Ohne zu zögern erklang mein “ Ja”. Es wurde schon später Nachmittag, als ich mich verabschiedete. Frau Niederle rechnete noch meine Fahrtkosten ab. Ein angebotenes Tagesgeld lehnte ich ab. Die Rückfahrt verlief reibungslos, trotzdem mußte ich noch oft an die geführten Gespräche denken. Ich habe nie gedacht, dass so reiche Leute, die über 50.000 Mitarbeiter beschäftigen, so einfach im Umgang sein können.
Zu Hause angekommen, diskutierten Dorlis und ich noch recht lange über das Erlebte. Die kommende Arbeitswoche verging wie im Fluge. Kurz vor dem Wochenende rief mich nochmals Frau Schickedanz persönlich an und unterbreitete mir den Vorschlag, eine Woche Urlaub im Institut zu nehmen, um nach Chile zu fahren. “ Dort können Sie unseren Betrieb begutachten und vielleicht hat sich während ihrer Abwesenheit die Lage in Chile doch wieder geändert. Während unseres letzten Besuches in Chile hat uns niemand so offen über die von Ihnen geschilderte Lage berichtet." Auch hier musste ich Frau Schickedanz eine Absage zu ihrem Vorschlag erteilen. Trotzdem ließ diese energische Frau nicht locker und bat darum, übernächste Woche unser Gespräch in Fürth fortzusetzen. Ohne zu zögern ging ich auf das Angebot ein.
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