Auch die ersten Enttäuschungen ließen nicht lange auf sich warten. Zuerst bei Dorlis, die alle privaten Dinge erst einmal allein erledigen mußte, da ich ja mittags nie zu Hause war. Tochter Gabriele musste nun im Laufe ihrer kurzen Schulzeit innerhalb weniger Monate zum dritten Mal die Schule wechseln. Der erste Tag in der neuen Schule verlief reibungslos, aber schon am folgenden wurde Dorlis zur Schule gebeten. "Wir bedauern ihre Tochter nicht in unserer Schule aufnehmen zu können, da sie nicht katholisch, sondern evangelisch getauft wurde", teilte man uns in aller Kürze mit. Die Einsprüche und der Einwand, daß Gabi auch in der katholischen Ursulinerinnen Schule in Chile gewesen sei, halfen nichts. Für uns brach fast die Welt zusammen. Wo blieb da das so genannte entwickelte Land, das sich noch so unterentwickelt zeigte. So etwas kannten wir nicht aus Chile. Dort hatten wir erlebt wie die Menschen, gleich welcher Nationalität und Konfession einträchtig zusammen leben konnten.
Am Tage darauf fanden wir dann eine evangelische Konfessionsschule in der sich Gabi schnell einlebte. Trotz aller Schulwechsel gehörte sie immer zu den besten Schülern der Klasse. Sie beherrschte die deutsche Sprache fehlerlos, obwohl Spanisch ihr mehr lag. An den langen Wochenenden erkundeten wir die vielen schönen Orte beiderseits des Rheins und die idyllischen kleinen Bauerndörfer im Hunsrück. Wir fühlten uns trotz allem sehr wohl. Die Zeit in Chile schien der Vergangenheit anzugehören.
Mitte April erhielt der Institutsleiter einen Brief vom Landwirtschaftsministerium mit der Bitte, mich für sechs Monate für ein Spezialprogramm nach Paraguay freizustellen. Nach einer Unterredung teilte mir Prof. Preuschen mit, daß er mich über diesen Zeitraum leider nicht im Institut entbehren könne. Sollte ich meinem "Goldenen Käfig" nie mehr entrinnen können? Ich versuchte es mit einer schriftlichen Beanstandung, um vielleicht doch noch etwas später das Projekt in Paraguay zur Saatkartoffelvermehrung durchführen zu können. Aber es blieb beim "Nein".
Dorlis konnte mich verstehen und versuchte mich wieder aufzumuntern, was ihr auch gelang. Nun waren wir in Deutschland und würden auch nicht so schnell wieder davonlaufen. Kurz danach erhielten wir den Besuch meiner Mutter aus Hamburg, die nun zum ersten Mal einige Tage im Hause ihres Sohnes und dessen Familie verbringen konnte. Dass es das erste und auch das letzte Mal sein würde, konnten wir damals noch nicht ahnen.
Kurz danach wurden wir wieder vor eine Entscheidung gestellt. Die Firma Neckermann unterbreitete mir das Angebot, ihren landwirtschaftlichen Betrieb von 180 Hektar auf der spanischen Insel Mallorca zu übernehmen. Nach gemeinsamen Überlegungen mit Dorlis lehnte ich das Angebot ab und das gewünschte Kontaktgespräch fand somit gar nicht erst statt. Die Kinder waren noch klein und wurden dadurch vor diesen unruhigen Momenten der elterlichen Gespräche verschont.
Der kommende Frühling machte sich bemerkbar. Die schöne Natur dieser Gegend Deutschlands machte auch mir meine Tätigkeit angenehmer. Zum Gut in Bad Kreuznach gehörte auch ein Vorwerk aus Weide- und Forstland, die so genannte Gräfenbacher Hütte. Dort nutzte ich den Viehaustrieb für mich, um lange Spaziergänge zu unternehmen. Die Angelegenheit Neckermann wurde schnell vergessen und das Wochenende benutzten wir oft, um die lang entbehrte Verwandtschaft zu besuchen und den neuen Kontakt zu pflegen. Auch im Institut befreundeten wir uns mit einem vor etlichen Jahren aus der Ostzone geflohenen Ehepaar. Herr Dr. Rüprich war der Leiter der "Verfahrenstechnik in der Landwirtschaft" im Institut. An den freien Abenden konnte er nie genug von unseren Erfahrungen aus Chile hören.
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