14. Mai 2004
Wir dümpeln immer noch vor
Chañaral dahin. Der Morgen ist gekommen und gibt den Blick auf die Sanddünen frei, die die Wüste vor unseren Augen verbergen. Unser Schiff trägt ja selbst den Namen der trockensten Wüste unseres Globus,
Atacama. Wenn man in der Atacama-Wüste stehen bleibt, ist es so still, dass man seinen eigenen Herzschlag hören kann. Und vielleicht im Hintergrund das Ticken des sich ausdehnenden Metalls des Motors seines Autos. Für viele Europäer ein bedrohliches Fleckchen Erde; die Wüste, Trockenheit und Sand bis zum Horizont, eine Affenhitze am Tag und Minustemperaturen in der Nacht. Aber trotz allem: Die Wüste in Chile hat ihre Reize. Im Frühjahr, wenn sie nach einem seltenen, ungewohnten Regenfall blüht und große Teile sich in einen riesigen, bunten Blumenteppich verwandelt haben: Im Norden, nahe der Seestadt
Iquique, wo die beiden größten Salpeterwerke
Humberstone und
Santa Laura liegen, die mittlerweile zum Nationaldenkmal erhoben wurden. Weiter südlich, bei
Antofagasta, wo sich viele der alten, kleinen Salpeterminen befinden, die nahezu aneinander gereiht einer großen Epoche das Totengeleit zu geben scheinen. Wo alles staubtrocken und so still ist, dass man den Wind singen hört und sich alsbald nach einem Glas Wasser zu sehnen beginnt.
Ich habe eine der Plastikmünzen der
Compañía de Salitres de Antofagasta, die ich stets bei mir trage. Sie hat mir bisher immer Glück gebracht. Im vergangenen Jahrhundert gab jede Salpetermine ihre eigene Währung heraus. Damit wurden die Arbeiter bezahlt und konnten ihre Waren einkaufen; natürlich im firmeneigenen Laden. Viele abertausend Menschen waren auf diese Weise in der Wüste beschäftigt und sie kamen aus aller Herren Länder.
Wir warten darauf, dass die
"M/V Cuxhaven" uns den Liegeplatz freigibt, und auf die zwei Schlepper, die uns dorthin begleiten sollen. Von der Brücke aus kann ich mit dem Fernglas erkennen, dass der Lotse an Bord geht und die Schlepper sich in Position bringen. Langsam beginnt sich die "M/V Cuxhaven" zu bewegen und gibt den sehr kurzen Liegeplatz frei.
Kurz daraufhin kommt der Lotse zu uns an Bord. Unterstützt von den Schleppern
"Kirke" und
"Koyam" wird unsere "Atacama" in Position gebracht. Ein paar Seehunde stecken ihre Nasen in respektvoller Entfernung aus dem Wasser und schauen neugierig unserem Treiben zu. Das ganze Verfahren ist eine konzertierte Aktion und der Lotse ist ihr Dirigent. Die Schlepper drücken uns wie buhlende Liebhaber, so lange, bis wir am kurzen Kai von Chañaral festmachen können. Dort warten nun 1.900 Tonnen Kupferplatten-Bündel auf uns, die mit uns auf die Reise nach Europa gehen.
Peter Erdtmann können Sie an dieser Stelle auf seiner Reise begleiten.
Jeden Montag erscheint in den kommenden Monaten ein weiteres Kapitel
seines Buches "Weg zurück nach vorn" mit den interessantesten
Eindrücken von seiner 30tägigen Reise.
© Texte/Fotos: Peter Erdtmann
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