15. Mai 2004
Ich bin Jonas und setze meine Reise im Bauche des Walfischs fort.Hinter mir bleiben nicht nur Valparaiso oder Barquito, sondern auch 13 Jahre Chile. Bleiben Erfahrungen, die ich gemacht, Liebe und Schmerz, die ich gelebt habe. Bleiben prachtvolle Menschen, die ich das Glück hatte, kennenzulernen, und die ich mit ein bisschen Glück irgendwann im Leben irgendwo einmal wiedersehen mag.
Partir, c’est un peu mourir… sagen die Franzosen: Weggehen, heißt immer auch ein wenig Sterben. Und so sterbe ich mit jedem Verlassen eines Hafens aufs Neue einen kleinen Tod. Aber vielleicht muss man Altes aufgeben, um Raum für Neues zu schaffen, mit Gewohnheiten brechen, ehe sie sich wie Staub auf unser tägliches Dasein legen. Gebe ich wirklich etwas auf ? Nehme ich nicht viel mehr Wertvolles in meinem Herzen mit mir? Und habe ich nicht Spuren hinterlassen in Menschen, Unterschiede geschaffen in einer Spanne Zeit von 13 Jahren? Ein Teil meiner Seele wird wohl stets bei den Freunden und dem Teil meiner Familie bleiben, die mir über die Jahre hinweg so ans Herz gewachsen sind. Einen Teil ihrer Seele glaube ich in meinem Herzen mitzunehmen, so werden wir beieinander sein, verbunden durch die Jahre der Vergangenheit, und für die Jahre der Zukunft miteinander vereint…
Wir liegen immer noch in Barquito. Während im Bauch der Atacama die Ladung fachmännisch verstaut wird, fischen draußen die Pelikane im morgendlichen Meer. Unser Kapitän kommt an Deck, er ist einfach gekleidet, strahlt aber unmissverständlich die Autorität aus, die von ihm erwartet wird. Er mag keine Uniformen, sagt er mir, aber wenn die Lotsen der Armada in ihrer schicken Marineuniform an Bord kommen, zieht er doch den marineblauen Pullover mit den goldfarbenen Schulterstücken an. Unser Kapitän führt das Schiff mit erfahrener Hand, er ist dort, wo es notwendig ist, nie mit großem Lärm oder Aufsehen und er delegiert ruhig die Aufgaben, die an andere abzugeben sind. Als “Master” ist er für alles verantwortlich, kann aber nicht immer überall sein. Verantwortung abzugeben und zu teilen, ist daher notwendig und seine Crew, Offiziere und Mannschaft, wissen, was sie zu tun haben. Ich hatte soeben die Kupferladung im Stauraum inspiziert, alles war fachmännisch mit Stahlseilen und Stauhölzern gestaut und gesichert, so dass es nicht verrutschen kann. Ich erzähle dem Kapitän meine Beobachtung, der lächelt und erwidert, erst in Rumänisch, dann auf Englisch: “Keine Sorge, die wissen, was sie tun.” In wenigen Stunden werden wir Barquito verlassen und Antofagasta anlaufen, zwölf Stunden Seefahrt Richtung Norden, unser vorletzter chilenischer Hafen.
Peter Erdtmann können Sie an dieser Stelle auf seiner Reise begleiten.
Jeden Montag erscheint in den kommenden Monaten ein weiteres Kapitel seines Buches "Weg zurück nach vorn" mit den interessantesten Eindrücken von seiner 30tägigen Reise.
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