Auf dem Fundo hatte die mir von der Gewerkschaft zugesicherte Ruhe angehalten. Auch mein Vertreter Carlos M. hatte seine Sache gut gemacht und bewies eine glückliche Hand in der Mitarbeiterführung.
Im Februar wurden die ersten elf Banken und Unternehmen nationalisiert und das Landwirtschaftsministerium in eine Nachbarstadt von Osorno (Temuco) verlegt, um die Enteignungen der Fundos im Süden Chiles schneller voranzutreiben. Allmählich begann Anarchie zu herrschen. Um dem so gut wie möglich vorzubeugen, wurde ein kleiner Gewerkschaftsraum mit sozialen Einrichtungen wie Erste Hilfe, Fernseher und Musikbox, eine kleine Bibliothek und Tischtennisplatten eingerichtet.
So erreichte ich sogar eine Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Gewerkschaft, was sich später als sehr vorteilhaft erwies. Die Eltern meines Mitarbeiters Carlos Möller-H. waren Pächter eines 220 Hektar großen Betriebes, ungefähr 60 Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Dort hatten Anarchisten mit einem Teil der Belegschaft das Fundo ungesetzlich besetzt. Niemand konnte den Betrieb ohne Genehmigung dieser Miliztruppe betreten oder verlassen.
Auch Vater Karl Möller-H. (1944 von den Russen von seinem Gut "Junkersen" in Ostpreußen vertrieben) erlaubte man nicht, trotz eines ärztlichen Attestes zur angesetzten Nierenoperation nach Osorno zu fahren. Auch eine Eingabe beim Gouverneur der Provinz Osorno brachte keine Abhilfe.
Schließlich kam die Rettung durch einen Major der Carabineros. Unter Waffenschutz ließ er den alten Herren nach Osorno transportieren. Gleichzeitig wurden noch die notwendigsten Habseligkeiten auf einige Lastwagen geladen. Mutter Möller-H wurde bei ihrem Sohn im Verwalterhaus auf La Poza untergebracht. Die Eltern Möller-H. durften nie wieder das Pachtfundo während der Regierungszeit von Salvador Allende betreten.
Berichte über derartige Menschenrechtsverletzungen suchte man in der ausländischen und besonders der deutschen Presse vergeblich.
Ähnliche Beispiele, Übergriffe ohne offizielle Enteignung, kamen nun auch im Gebiet der ehemals deutschen Einwanderer (1855 - 1870) vor. Rund um den Llanquihue-See hatten sie aus dem Urwald innerhalb von vier Generationen blühendes Weideland gemacht.
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