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Monday, November 23. 2009
In Santiago bekam ich nicht mehr den Anschlußflug nach Osorno und sah mir eine Großkundgebung am Regierungsgebäude “La Moneda” an. Tausende Menschen in Form von Arbeiterbrigaden mit Spruchbändern, Sprechchören und roten Fahnen mit Hammer und Sichel versehen, zogen an dem Präsidenten Allende und seinem Gast, dem kubanischen Diktator Fidel Castro vorbei. Fidel Castro blieb ungefähr drei Wochen in Chile und bereiste das ganze Land, als so genannter Gast des Staates. In jeder größeren Stadt sollte sich dann später die von mir erlebte Großkundgebung wiederholen. Zum Abschluß konnte man dann von beiden Revolutionsführern die Worte für die jetzt "angebrochene Freiheit im Sozialismus und die wunderbare, gerechte Zukunft in Chile" hören.
Sehr bedrückt kam ich nach Osorno. Trotz aller Freude, die Familie wieder um mich zu haben, hatte ich ein wenig Angst vor der Zukunft. In solch einem Staat, der in den Reden der kommunistischen Staatsmänner heraufbeschworen worden war, sollten unsere Kinder nicht aufwachsen. Aber ausreißen und das Fundo aufzugeben kam auch nicht in Frage. Erst mußte ich die mir selbst gestellte Aufgabe lösen. Dorlis und die beiden Mädels bestaunten mein Reisegepäck, welches in keinem Vergleich zu dem sonst üblichen Einkoffersystem ihres Vaters stand. Beim Auspacken kannte die Freude keine Grenzen. Frau Niederle hatte wieder einmal das Richtige getroffen.
Auf dem Fundo war nichts Wesentliches während meiner Abwesenheit passiert, so daß ich manchmal annahm, die Belegschaft fürchtete unbekannte Änderungen während meiner Abwesenheit. Einige Provokationen von Einzelgängern ließen mich nicht das Endziel aus den Augen verlieren. Von unserem Eßzimmer aus sahen wir am hellichten Tage einen "Genossen" mit einem Sack gestohlenem Kraftfutter zu sich nach Hause ziehen! Den Mann nicht sofort zur Rede zu stellen fiel mir unendlich schwer. Aber ich wollte zu diesem Zeitpunkt eine Eskalation unbedingt vermeiden. Defined tags for this entry: Allende, Chile, Fürth, Fidel Castro, La Poza, Leben zwischen zwei Kulturen, Militär, Quelle, Reiner Schirmer, Salvador, Schickedanz
Monday, November 9. 2009
Herr Dedi traf pünktlich ein und setzte mich davon in Kenntnis, daß wir heute am Treffen aller deutschen Investoren landwirtschaftlicher Projekte in Chile teilnehmen würden. Das einzige Thema: ”Das neue Agrargesetz in Chile, die bevorstehende Enteignung und künftige Reaktionen der Eigentümer”.
Vorher mußte ich als einziger Teilnehmer aus Chile kurz über meine Erfahrungen berichten. Jeder der Teilnehmer legte dann seine Meinung dar, um nach Möglichkeit einen gemeinsamen Weg finden zu können. Die Vorstellungen lauteten über “Rette sich wer kann”, Verzicht auf das Eigentum mit Bedingung einer Entschädigung von 20 % bis 100 % des über die chilenische Zentralbank investierten Kapitals und viele, viele theoretische Vorschläge! Herr Dedi äußerte kurz, das er sich mit keiner dieser Meinungen identifizieren könne und sagte: “Wir sind nicht bereit, dem Kommunismus kampflos das Feld zu überlassen auch auf die Gefahr hin, das investierte Geld zu verlieren.” Darauf verließen wir als erste die Zusammenkunft.
Ich bekam ein paar freie Tage mit der Abmachung, uns am Wochenende in Fürth zu treffen.
Mit einem gemieteten Auto machte ich dann einen Kurzbesuch bei den Familienangehörigen und Freunden. Oma und meiner Mutter schenkte ich die meiste Zeit, um dann am Wochenende zur Lagebesprechung in Fürth zu sein. In den paar Tagen habe ich über 2.000 Kilometer hinter mich gebracht.
Das Zusammensein in Fürth brachte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit Herrn Dr. Schickedanz. Er erteilte mir eine Rüge, die Verteilung der Besitzerrechte und Auflösung des Nutznies von ihm und seiner Frau auf La Poza eigenständig getroffen zu haben. Der kleine Mißklang wurde aber durch die beschwichtigenden Worte von Herrn Dedi schnell überbrückt. Die weitere Entwicklung in Chile war nicht übersehbar. Mein Vorschlag war, alles weitere zu tun, um unter die Letzten der Enteigneten zu kommen und eine Besetzung des Betriebes durch Anarchisten zu vermeiden. Das war das Resultat unserer Gespräche. Mit den Worten von meinen Chefs: "Wir können die Lage von hier aus sowieso nicht ganz richtig beurteilen und politische Hilfe seitens der Bundesrepublik wird es nicht geben. Wer handeln kann sind nur Sie. Defined tags for this entry: Allende, Chile, Enteignung, Fürth, Kommunismus, La Poza, Leben zwischen zwei Kulturen, Militär, Quelle, Reiner Schirmer, Salvador, Schickedanz
Monday, November 2. 2009
Kurzfristig wurde ich von Herrn Dr. Schickedanz im November 1971 für eine Woche nach Deutschland zitiert. Die letzten zwei Tage vor dem Abflug besuchte ich in Santiago noch alte Bekannte, die gute Verbindungen zu politischen Kreisen hatten und erfuhr Daten einer bevorstehenden Gesetzesänderung: "Ab Stichtag X wird ein Verkauf landwirtschaftlicher Betriebe über 400 ha im Familienkreise untersagt. Bei Verkäufen ist die ausdrückliche Genehmigung des Staates erforderlich. Weiterhin verlieren Betriebe, die mehr als zwei Besitzern gehören, bei Enteignung das Anrecht auf Anspruch eines eventuellen Restbetriebes."
Ich handelte sofort und verkaufte laut meiner Vollmacht 50% des Besitzes von La Poza von Besitzerin Madeleine geb. Schickedanz an Schwester Louise geb. Schickedanz. Somit gab es bei einer Enteignung noch die Chance, einen Restbetrieb zu erhalten. Das Vorwerk mit 40 ha Basis (in der Region Osorno waren das durch den Umrechnungsfaktor 200 ha Grünland) von Frau Grete Schickedanz war im ersten Moment noch vor einer Enteignung gesetzlich geschützt.
Die Grenze für die Enteignung begann ab 80 ha Basis, in Osorno 1: 5 also 400 ha. Auch ein Gespräch mit dem deutschen Botschafter verlief recht positiv. Ich bekam die Zusicherung eines Besuches auf La Poza.
Der auf dem Dienstwagen sichtbare Hoheitsadler der Bundesrepublik Deutschland sollte vor einer eventuellen Besetzung des Betriebes ein wenig abschrecken. Nach einem angenehmen Flug traf ich am nächsten Tag in Frankfurt ein, wo ich mich am darauf folgenden Tag mit Herrn Dedi im Flughafenhotel treffen sollte. Die fürsorgliche Frau Niederle hatte schon ein Zimmer dort reservieren lassen und ich konnte mich nach den Strapazen der letzten Woche richtig ausruhen. Defined tags for this entry: Allende, Chile, Enteignung, Junta, La Poza, Leben zwischen zwei Kulturen, Militär, Quelle, Reiner Schirmer, Salvador, Schickedanz
Monday, October 26. 2009
Auf dem Fundo hatte die mir von der Gewerkschaft zugesicherte Ruhe angehalten. Auch mein Vertreter Carlos M. hatte seine Sache gut gemacht und bewies eine glückliche Hand in der Mitarbeiterführung. Im Februar wurden die ersten elf Banken und Unternehmen nationalisiert und das Landwirtschaftsministerium in eine Nachbarstadt von Osorno (Temuco) verlegt, um die Enteignungen der Fundos im Süden Chiles schneller voranzutreiben. Allmählich begann Anarchie zu herrschen. Um dem so gut wie möglich vorzubeugen, wurde ein kleiner Gewerkschaftsraum mit sozialen Einrichtungen wie Erste Hilfe, Fernseher und Musikbox, eine kleine Bibliothek und Tischtennisplatten eingerichtet.
So erreichte ich sogar eine Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Gewerkschaft, was sich später als sehr vorteilhaft erwies. Die Eltern meines Mitarbeiters Carlos Möller-H. waren Pächter eines 220 Hektar großen Betriebes, ungefähr 60 Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Dort hatten Anarchisten mit einem Teil der Belegschaft das Fundo ungesetzlich besetzt. Niemand konnte den Betrieb ohne Genehmigung dieser Miliztruppe betreten oder verlassen.
Auch Vater Karl Möller-H. (1944 von den Russen von seinem Gut "Junkersen" in Ostpreußen vertrieben) erlaubte man nicht, trotz eines ärztlichen Attestes zur angesetzten Nierenoperation nach Osorno zu fahren. Auch eine Eingabe beim Gouverneur der Provinz Osorno brachte keine Abhilfe.
Schließlich kam die Rettung durch einen Major der Carabineros. Unter Waffenschutz ließ er den alten Herren nach Osorno transportieren. Gleichzeitig wurden noch die notwendigsten Habseligkeiten auf einige Lastwagen geladen. Mutter Möller-H wurde bei ihrem Sohn im Verwalterhaus auf La Poza untergebracht. Die Eltern Möller-H. durften nie wieder das Pachtfundo während der Regierungszeit von Salvador Allende betreten.
Berichte über derartige Menschenrechtsverletzungen suchte man in der ausländischen und besonders der deutschen Presse vergeblich.
Ähnliche Beispiele, Übergriffe ohne offizielle Enteignung, kamen nun auch im Gebiet der ehemals deutschen Einwanderer (1855 - 1870) vor. Rund um den Llanquihue-See hatten sie aus dem Urwald innerhalb von vier Generationen blühendes Weideland gemacht.
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