Anfangsjahre in La Poza
Nach der Landung in Dakar wurde die Maschine vom Typ Boeing 707 noch einmal voll getankt und der Flug über den Atlantik begann mit einem wunderschönen Sonnenuntergang. Innerhalb kurzer Zeit wurde es Nacht, das reichliche Abendessen wurde serviert und acht Stunden Flug standen uns bis zur Landung in Rio de Janeiro bevor. Nachdem die Lichter gelöscht worden waren, ging mein Blick aus dem Fenster. Um uns herum funkelten die Sterne und meine Gedanken eilten dem Flugzeug voraus. In wenigen Stunden würde ich wieder in Chile sein. Angst vor dem gefassten Entschluß hatte ich keine, aber ich fragte mich doch, was die Zukunft für unsere Familie bringen würde. Lohnte es sich, nochmals die Heimat zu verlassen? Es ist ein großer Unterschied zwischen einem angenehmen und romantischen Urlaub im Ausland und einer dauerhaften Tätigkeit in der Ferne. Trotzdem ahnte ich irgendwie, in absehbarer Zeit wieder in Deutschland zu sein. Dann hatte ich aber den Vorteil, nicht mehr auf unbestimmte Arbeitssuche gehen zu müssen. Wir hatten uneingeschränktes Vertrauen in das Angebot der Familie Schickedanz. Nach meiner Lagebeurteilung würden sich die schwarzen Wolken am politischen Horizont Chiles nicht in kurzer Zeit abgeregnet haben. Bis die Sonne wieder scheinen würde, so befürchtete ich, könnten Jahre vergehen. Dies würde nun auch einen Einfluss auf mein Berufs- und Familienleben haben.
Nach der Landung in Santiago führte mich der erste Weg zu unseren Freunden. Sie hatten keine Ahnung von meinem Kommen und waren von meiner Rückkehr nach Chile und dem neuen Arbeitgeber nicht vorher unterrichtet worden. Ausnahmslos hielten sie die von uns getroffene Entscheidung für richtig. Auch sie waren der Meinung, dass wir innerhalb kurzer Zeit alle wieder in unseren Mutterhäusern in Deutschland sein würden, also bei Merck in Darmstadt, der Dresdener Bank, Otto Versand, Hertie, Stahlwerke Baron von Kühlmann-Stumm sowie Quelle-International.
Am übernächsten Tag wollte ich mit dem Nachtzug in Richtung Osorno fahren. Nun hatte ich schon das Gefühl, die Zugfahrt könnte ein Ereignis werden und wollte umgehend die Fahrkarte besorgen. Als ich mein Anliegen der netten Fahrkartenverkäuferin vorbrachte, bekam ich nur eine knappe Gegenfrage: "Departamento oder Salon?" Da ich doch Bescheidenheit für eine gute Tugend halte und nicht wusste, ob so viel Luxus sein müsste, fragte ich etwas irritiert zurück: “Wie viel kostet denn der "Salon"?". Als Sie mir den Preis nannte, war ich wieder gelassener und musste nur noch entscheiden ob ich "Cama baja" oder “Cama alta" fahren wollte. “Cama alta” war einige hundert Peso billiger und ich glaubte noch sportlich genug zu sein, das obere Bett zu erklimmen. Gegen 19.00 Uhr des chilenischen Wintertages betrat ich den Bahnhof. Er wirkte etwas verlassen und so, als sei die Zeit hier stehen geblieben.
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