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Monday, October 11. 2010
Unerwartet erhielten wir die Nachricht vom plötzlichen Ableben der Oma in Salzderhelden. Unsere Reisepässe lagen im weitentfernten Osorno und somit wurde uns die Möglichkeit genommen, zur Bestattung nach Deutschland zu fliegen. Wir verloren einen lieben Menschen, der für uns immer eng mit dem Begriff der Heimat verbunden war. Bei unseren späteren Besuchen in Deutschland versuchten Schwager Ernst-Joachim und Familie, das Verlorene zu ersetzen. Diese Tage merkten wir mehr denn je die Ferne zur Heimat. Der Trost für uns war, das wir die Kinder und Enkelkinder in Chile um uns hatten.
Zu Beginn des Jahres 1984 wurde Schwiegersohn Ignacio von seinem gegenwärtigen Arbeitgeber nach Osorno versetzt und wir hatten Tochter Gabi mit Mann und den Enkelkindern Tomas und der am 14. Oktober 1981 geborenen Tochter Maria-Ignacia ganz in der Nähe. Das auf einmal sehr ruhige Leben wurde durch einen Anruf von einem Herrn J. Schörghuber unterbrochen, den ich 1977 anläßlich des Besuches vom bayrischen Ministerpräsidenten Franz Joseph Strauß in Osorno kennen lernte. Damals gab ich dem Herrn Schörghuber die Zusage, ihm bei einem geplanten Kauf eines Fundos in Chile behilflich zu sein. Jetzt nach sieben Jahren wurde ich an das Versprechen erinnert. Meine Ausflüchte, ich wäre durch den Arbeitsvertrag bei der Firma “Quelle” zeitlich zu sehr gebunden, fanden kein Gehör. Mein Argument wurde durch einen Telefonanruf bei Frau Schickedanz versucht zu entkräften: "Grete, Du hast doch nichts dagegen, daß Herr Schirmer mir bei meiner Investition in Chile behilflich ist." Später versuchte man mich, als Generalbevollmächtigten seiner verschiedenen Investitionen in Chile zu gewinnen. Es wurde nicht einfach mich aus der Affäre zu ziehen.
Monday, September 27. 2010
Ende 1980 machte unsere Jüngste Abitur. Christina besuchte dann in Santiago eine deutsch-chilenische Wirtschaftshochschule. In dieser Ausbildung war auch ein Praktikum in einer ausbildenden Firma der Lebensmittelbranche vorgesehen. Die Lebensmittelkette "Jumbo", bei der Christina ihr Praktikum später absolvierte, hatte auch geschäftliche Verbindungen zur "Quelle" . Beide Kinder waren nicht mehr um uns und der Alltag wurde auf einmal sehr leer. Wir versuchten uns damit zu trösten, daß ja alle Eltern irgendwann ein ähnliches Schicksal hatten. Allerdings sind die Entfernungen hier in Chile doch besonders groß, die Nord-Süd Ausdehnung beträgt immerhin 6.000 Kilometer. Uns trennten jetzt die 1.000 km von unseren Kindern, die zwischen Osorno und der Hauptstadt Santiago lagen. Uns wurde das Herz schwer. Da saßen wir beiden "Alten", hatten zwar vieles erreicht, aber nun kam zu der Trennung von Heimat und Familie noch die räumliche Trennung von unseren Kindern dazu. Wir mieteten eine geräumige Zweizimmerwohnung in Santiago für unsere Kleine, um an verlängerten Wochenenden zusammensein zu können. Auch Gabi und Ignacio wohnten in der Nähe Santiagos. Das war für uns eine Beruhigung, da sich die Schwestern des öfteren sehen konnten. Mein Schwiegersohn arbeitete als Verwalter auf einem, der Familie gehörenden Landgut. Auch die Mutter von Ignacio, die als Ministerialdirektorin in Santiago arbeitete, kümmerte sich um unsere beiden Töchter als wären es ihre eigenen Kinder. Auch das empfanden wir als sehr große Hilfe und waren dankbar für den guten Kontakt in unserer Familie. Meine Chefs kamen fast alle Jahre nach Chile und wurden bei ihrer Ankunft in Santiago immer von einer unserer Töchter betreut, wodurch der langjährige Kontakt zwischen uns erhalten blieb.
Nachdem Christina ihre Ausbildung erfolgreich beendet hatte, entstand die Idee bei Frau Schickedanz unsere Tochter zur weiteren Fortbildung nach Deutschland zu holen. Sie sollte dort verschiedene Abteilungen des Quellekonzerns durchlaufen. Bei unserem kommenden Urlaub im August 1983 ließen wir die junge Dame in Deutschland zurück. Frau Niederle organisierte alles: Wohnung, Kontakte in der Hauptverwaltung und auch Abwechslung in der Freizeit. Aber auch Frau Schickedanz nahm sie auf internationale Modeveranstaltungen, aber auch zu Privatausflügen nach Spanien mit. Christi wurde durch ihre Verläßlichkeit, ihren Einsatz und einem sicheren Gespür für Mode eine gute Mitarbeiterin in der Firma. Am Ende des Jahres bekam sie ein Angebot von der Chefin, in Deutschland zu bleiben. Damit hätte sie eine viel versprechende Zukunft vor sich gehabt. Die Entscheidungsfrist lief ab, aber Christinas Antwort hieß: "Ich danke Ihnen sehr Frau Schickedanz, aber alle Menschen, die ich liebe sind nun einmal in Chile und ich werde nach dort zurückkehren." Wir freuten uns über diesen Entschluß. Eine Tochter in Chile zu haben und die andere in Deutschland, daß wäre für uns Eltern wohl das Schlimmste geworden. Wir sind nach Chile ausgewandert und die Tochter würde zurückwandern und die Familie getrennt sein. Das wollten wir in unserem Leben nicht noch einmal erleben. Wie sich später herausstellte, waren aber nicht nur wir mit dem Wort "alle Menschen, die ich liebe" gemeint, sondern auch der jüngere Bruder von Schwiegersohn Ignacio. So trat Matias später in unser Leben.
Monday, September 20. 2010
Gegen Jahresende wurde unser Enkelsohn Tomas geboren und auf dem Weg zum Kreissaal konnte ich meiner Gabi noch zuflüstern: "Ich bin ganz stolz auf Dich!" An meinem fünfzigsten Geburtstag mußte ich mich einer schweren Nierenoperation unterziehen. Der Chirurg Dr. Emilio Undurraga befreite mich von dem chronischen Leiden. Später wurden wir Wohnungsnachbarn und er und seine Frau Patricia gehören noch heute mit zu unseren besten Freunden in Chile. Durch ihn wurde ich auch Mitglied im Rotario Club in Osorno. Die Operation war das erste Anzeichen, daß die Strapazen und Aufregungen der Jahre nach der Auswanderung ihren Preis forderten. Bei einem ihrer Besuche in Chile riet mir Frau Schickedanz, ein bißchen mehr auf meine Gesundheit zu achten und legte mir nahe, daß Quellegeschäft abzugeben. Der Verdienstausfall wurde durch Erhöhung meiner Bezüge ausgeglichen. Auch die Fundos wuchsen mit weiteren Zukäufen, aber durch verschiedene Verwalterwechsel auch meine Belastung. Meinem Grundsatz, niemals Siedlerland zu kaufen, bin ich dabei immer treu geblieben.
Politisch kam es wieder zu Unruhen, die aber in den Provinzen nicht zu spüren waren. Die chilenische Opposition, die nach eigenen Umfrageergebnissen von der Hälfte der Bevölkerung unterstützt wurde, rief immer wieder zu "nationalen Protesttagen" gegen das Militärregime Pinochets auf. Die Reaktion der internationalen Presse konnte ich nie und kann sie auch heute noch nicht verstehen. Zu diesen Protesttagen kamen immer viele Journalisten angereist. Diese hatten kaum Informationen über die Situation im Land. Nach ihren Berichten zufolge mußte die ganze Welt glauben, in Chile herrsche ein ständiger Bürgerkrieg. Entscheidend war nicht der Wahrheitsgehalt der Information, sondern die Heftigkeit der Kritik an der chilenischen Diktatur. Leistungen des Regimes, zum Beispiel im sozialen Wohnungsbau, in der Gesundheitsfürsorge und Wirtschaftsentwicklung galten als nicht erwähnenswerte Lappalien. Der am Ende des Buches abgedruckte Bericht aus der “ Frankfurter Allgemeinen Zeitung” ist einer der ganz wenigen Artikel, in denen versucht wird, die damalige Situation ausgewogen darzustellen.
Monday, March 8. 2010
An den Tagen darauf machten wir eine Tagesfahrt zu der berühmten Salzkathedrale in einem ehemaligen Kaliwerk. Die Höhle war in das Gestein geschlagen und ungefähr ebenso hoch wie der Kölner Dom. Alle Würdenträger der katholischen Kirche Kolumbiens fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Der Besuch dieses Ortes beeindruckte uns alle sehr. Genau so faszinierend wurde der Besuch des Goldmuseums. Einmalige Schätze der Inkazeit mit dem berühmten Floß in Gold ließen uns die Gegenwart zeitweilig vergessen.
Kaltes und trübes Wetter empfing uns in Deutschland. Im Parkhotel Fürth bekamen wir geräumige Zimmer und die Kinder hatten Abwechslung mit dem vielseitigen Fernsehprogramm. Auch der Fürther Marktplatz mit dem schon rührigen Weihnachtsmarkt lag gegenüber. Es fing auf einmal an zu schneien und eine Weihnachtsstimmung, wie sie eben nur in der Heimat Deutschland zu spüren ist, breitete sich in und um uns aus.
Mein erster Weg, in Begleitung von Dorlis, ging zur Berichterstattung in die Hauptverwaltung. Die Familie Schickedanz bekam einen Bericht zur Lage und hörte so alles das, was von mir in Chile nicht aufs Papier gebracht werden durfte. Man wusste es zu würdigen, das wir von allen deutschen Investoren fast als einzige noch "am Ball" waren. Ich kündigte auch den Besuch von Rechtsanwalt Pancho zum Besuch in Deutschland an. Herr Dr. Schickedanz kam auf den Gedanken, das Gastehepaar auch zur Besichtigung der zu dieser Zeit modernsten Computeranlage des Versandhauses Quelle einzuladen. Herr Dedi erweiterte den Vorschlag und bat Dorlis und mich, mit den Gästen einige Tage in das Hotel Kempinski nach Berlin zu fahren. Danach sollte die Besichtigung von München und anderer Sehenswürdigkeiten in Deutschland den Besuch abrunden. Nach dem Gespräch fuhren wir noch weiter zum weltbekannten Christkindlmarkt in Nürnberg. Auch für uns Alte wurde dies ein großes Erlebnis, ganz zu Schweigen von den Kindern.
Am nächsten Tag fuhren wir mit einem fast neuen Audi vom Fuhrpark Quelle in Richtung Familie. Die Zeit eilte schon wieder, denn in einer Woche mussten wir ja wieder am Flugplatz in Frankfurt sein, um für zehn Tage den Gästen aus Chile unser Vaterland zu zeigen. Weihnachten hofften wir dann mit den Kindern im Kreise der Familie zu verbringen. Oma in Einbeck freute sich, die beiden Mädels für sich allein zu haben. Außer Telefongesprächen hatten wir kaum Kontakt mit den Verwandten und Freunden, und unsere Urlaubstage in Deutschland waren nun knapp bemessen. Viel länger als bis Mitte Januar 1973 konnten wir nicht bleiben, jederzeit konnte uns zudem ein Telefonanruf aus Chile noch schneller zur Rückkehr zwingen.
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