Gegen Jahresende wurde unser Enkelsohn Tomas geboren und auf dem Weg zum Kreissaal konnte ich meiner Gabi noch zuflüstern: "Ich bin ganz stolz auf Dich!"
An meinem fünfzigsten Geburtstag mußte ich mich einer schweren Nierenoperation unterziehen. Der Chirurg Dr. Emilio Undurraga befreite mich von dem chronischen Leiden. Später wurden wir Wohnungsnachbarn und er und seine Frau Patricia gehören noch heute mit zu unseren besten Freunden in Chile. Durch ihn wurde ich auch Mitglied im Rotario Club in Osorno. Die Operation war das erste Anzeichen, daß die Strapazen und Aufregungen der Jahre nach der Auswanderung ihren Preis forderten.
Bei einem ihrer Besuche in Chile riet mir Frau Schickedanz, ein bißchen mehr auf meine Gesundheit zu achten und legte mir nahe, daß Quellegeschäft abzugeben. Der Verdienstausfall wurde durch Erhöhung meiner Bezüge ausgeglichen. Auch die Fundos wuchsen mit weiteren Zukäufen, aber durch verschiedene Verwalterwechsel auch meine Belastung. Meinem Grundsatz, niemals Siedlerland zu kaufen, bin ich dabei immer treu geblieben.
Politisch kam es wieder zu Unruhen, die aber in den Provinzen nicht zu spüren waren. Die chilenische Opposition, die nach eigenen Umfrageergebnissen von der Hälfte der Bevölkerung unterstützt wurde, rief immer wieder zu "nationalen Protesttagen" gegen das Militärregime Pinochets auf. Die Reaktion der internationalen Presse konnte ich nie und kann sie auch heute noch nicht verstehen. Zu diesen Protesttagen kamen immer viele Journalisten angereist. Diese hatten kaum Informationen über die Situation im Land. Nach ihren Berichten zufolge mußte die ganze Welt glauben, in Chile herrsche ein ständiger Bürgerkrieg. Entscheidend war nicht der Wahrheitsgehalt der Information, sondern die Heftigkeit der Kritik an der chilenischen Diktatur. Leistungen des Regimes, zum Beispiel im sozialen Wohnungsbau, in der Gesundheitsfürsorge und Wirtschaftsentwicklung galten als nicht erwähnenswerte Lappalien. Der am Ende des Buches abgedruckte Bericht aus der “ Frankfurter Allgemeinen Zeitung” ist einer der ganz wenigen Artikel, in denen versucht wird, die damalige Situation ausgewogen darzustellen.
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