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Monday, August 17. 2009
Reiner Schirmer - Leben zwischen ... Posted by Heinz Wattler
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08:00
Comments (0) Trackbacks (0) Reiner Schirmer - Leben zwischen zwei Kulturen / 36Kleine Schwierigkeiten gab es weiterhin bei den zehn Melkerinnen, die in einem alten Schuppen unter fast unmenschlichen Bedingungen per Hand die Melkarbeit verrichten mussten. Der in der Nähe im Bau befindliche Melkstand mit den geplanten Melkmaschinen sollte in drei Monaten die Lösung der Probleme bringen. Durch meine vielfältigen Anforderungen in der Arbeit hatte ich die monotone Arbeit im Max - Planck - Institut in Deutschland schneller vergessen, als ich zu hoffen wagte. Auch das Ende des Winters mit den jährlichen 1.300 - 1.500 mm Niederschlägen und die Sonnenstrahlen in dieser herrlichen Natur verfehlten die Wirkung nicht. Bei Dorlis dauerte der Umschwung eine gute Zeit länger. Unser Haus wurde durch ihre schwere Arbeit, wie säubern, streichen und tapezieren wohnlich gemacht. Der herumliegende Dreck im Zier- und Gemüsegarten und der völlig vernachlässigte Rasen wurden von einem vom Fundo abgestellten Hausburschen langsam auf einen ordentlichen Stand gebracht. Die beschnittenen Obstbäume dankten mit der bald eintretenden Blütenpracht. Die Wohnungseinrichtung für das großräumige Haus kauften wir in dem führenden Möbelgeschäft Osornos, das von schon vor Jahren eingewanderten Landsleuten geleitet wurde. Dorlis hatte nun endlich wieder ihr Reich für sich und wir brauchten unsere Füße nicht mehr unter fremde Tische zu stecken. Gabi hatte den Schulwechsel in die Deutsche Schule von Osorno überstanden und gehörte auch dort zu den Besten ihrer Klasse. Schnell fand sie Freundinnen und am Wochenende wurde Gabi eingeladen oder brachte Schulkameradinnen mit nach Hause. Das genoss auch Christina immer sehr, weil sie in der Woche ganz alleine spielen musste. Unangenehm und ein wenig aufreibend war für uns alle die tägliche Anfahrt zur Deutschen Schule. Dreißig Kilometer morgendliche Hinfahrt und 30 Kilometer mittägliche Rückfahrt waren schon eine große Belastung für uns Eltern. Schulbusse oder Gemeinschaftsfahrten gab es wegen der großen Entfernung nicht. Die ländliche Struktur in Chile lässt sich mit der Deutschlands eben nicht vergleichen. In Deutschland ist der ländliche Raum durchsetzt mit kleineren Ortschaften. Neben Haupt- oder Großstädten gibt es zumindest Kreisstädte in erreichbarer Nähe. In Chile waren, bzw. sind die großen landwirtschaftlichen Besitzungen arrondiert und das Haus der Eigentümer steht irgendwo allein mit einem schönen Blick in die Natur. Die Häuser der Landbevölkerung liegen auf oder am Rande dieser Güter, manchmal mit etwas Eigenland. Dörfer oder größere Städte mit dem Angebot von Schulen, Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten, etc. gibt es darum auf dem Lande nicht. Nur die Regionshauptstadt Osorno bot damals dieses Angebot. Morgens um 7.00 Uhr war Abfahrt und meistens war der Fahrer (Mutter oder Vater) erst gegen 14.15 Uhr zurück. Die kleine Christina ließ es sich nicht nehmen, ständiger Begleiter zu sein. Wir versuchten, die tote Zeit des Wartens irgendwie nützlich zu verbringen, aber es gab kaum einen Ausweg aus diesem Dilemma. In Deutschland hatte man uns nicht auf dieses, mit meiner Stellung verbundene Manko hingewiesen, aber auch wir waren nicht darauf gekommen. Also teilten wir die fünf Schultage unter uns auf. Dorlis mußte den Haushalt zeitweise vernachlässigen oder ich das Fundo. Unsere Tochter einem fremden Fahrer aus dem Betrieb anzuvertrauen, war uns zu unsicher. Die Frage wie man den Fahrdienst bei ganztägigem Unterricht organisieren könnte, schoben wir vor uns her. Im Briefverkehr mit Frau Niederle oder Herrn Dedi in Deutschland erwähnten wir diesen Mißstand nicht. Um so mehr freuten wir uns wie kleine Kinder auf jeden Ferientag und die Wochenenden. Dorlis hatte ihren Führerschein in Wirklichkeit nie abgelegt, sondern 1965 von einem Abgeordneten der Sozialistischen Partei in Santiago als Freundschaftsbeweis erhalten. Für einen Deutschen sind solche Sachen kaum denkbar, aber Dorlis hatte vorher nie das Auto benutzt, wenn ich nicht neben ihr saß. Auch die ersten Fahrten hier in Chile wurden weiter so gehandhabt. Die Einsamkeit auf der Straße wurde ein guter Lehrer und die ersten Wochen ließ sie das Auto vor der Stadteinfahrt Osornos stehen. Monday, August 10. 2009
Reiner Schirmer - Leben zwischen ... Posted by Heinz Wattler
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08:00
Comments (0) Trackbacks (0) Reiner Schirmer - Leben zwischen zwei Kulturen / 35Nach achtzehn Stunden Bahnfahrt erreichten wir Osorno. Herbert Junge brachte uns mit dem Gepäck in seinem alten VW-Kombi auf das Fundo. Auch ich empfand nochmals, nachdem wir die Asphaltstraße verlassen hatten und auf der mit Löchern übersäten Schotterstraße nach La Poza dahinklapperten, dass noch so viel Geld hier am Südzipfel der Welt weder die Einsamkeit noch die innere Zufriedenheit geschweige denn Glück ersetzen kann. Der Empfang auf dem Betrieb mit unseren schönen Zimmern im Herrenhaus, alle mit dazugehörigem Bad, der Zentralheizung und der anheimelnden Wärme des offenen Kamin sowie den dienstbaren Geistern, schwächten wohl unseren Tiefpunkt ein wenig ab. Nach einer Flasche Rotwein ging es für uns alle Vier sofort ins Bett. Ich hoffte am nächsten Tag auf Sonnenschein in jeglicher Beziehung. Der kommende Tag verlief wieder im Gleichgewicht, auch wenn es in Strömen regnete und vor dem Haus und auf den Weiden mittelgroße Seen entstanden. Ich hatte nicht mehr viel Zeit uns zu bemitleiden. Der Zahltag am Monatsende stand vor der Tür. Die Abrechnungen für das Personal wurden sorgfältig ausgearbeitet. Überstunden und zugesagte Prämien für ermolkene Milch und andere Extraleistungen wurden wohl zum ersten Mal berücksichtigt. Herbert Junge erschien zum Arbeitsschluss, stellte die diesbezüglichen Gehaltschecks aus und innerhalb einer Stunde war die ganze Angelegenheit, ohne die sonst gewohnten Diskussionen, vergessen. Langsam schienen die Leute ein bisschen Vertrauen zu dem "Reichsdeutschen" zu gewinnen. Gegenüber dem so genannten "Chiledeutschen" waren seitens der chilenischen Bevölkerung, mit einigen Ausnahmen selbstverständlich, größere Vorurteile zu bemerken. Ein gewisses Patriarchsystem hatten auch die späteren Generationen der deutschen Einwanderer aus der Kaiserzeit schwer ablegen können. Einige Änderungen im Betriebsablauf wurden von mir eingeführt. Die Arbeitszeiten wurden nach Uhrzeit geregelt und nicht nach dem noch hier üblichen System: "Gearbeitet wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang." Anfänge von politisch ausgerichteten Gewerkschaftsbildungen waren zu beobachten und die Stimmung konnte man mit den Zeiten der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik vergleichen. Um Problemen in der Zukunft vorzubeugen, baute ich ein hier noch unbekanntes Führungssystem auf: 1. Erstellung eines schriftlichen Arbeitsvertrages mit Aushändigung des Duplikates an den Arbeitnehmer. 2. Im Arbeitsvertrag werden Gehalt, Deputate, Arbeitszeiten, beiderseitige Verpflichtungen, Überstundenregelung sowie Prämien bei Spezialarbeiten festgelegt. 3. Innerhalb von vier Wochen wurde Leitungswasser in die Werkswohnungen gelegt und der Stromverbrauch nicht mehr beschränkt. 4. Einführung eines freien Arbeitstages. Damit hatte die Belegschaft die Möglichkeit, zu günstigen Preisen in Osorno einzukaufen. Gewerkschaften kamen in dieser 1.000 Kilometer von der Hauptstadt liegenden Provinz langsam zur Entwicklung. Die Gewerkschaften wurden natürlich von den verschiedenen politischen Parteien gesteuert. An einem Wochenende nach Arbeitsschluss ließ ich alle Mitarbeiter zu einer Zusammenkunft rufen. Das Thema war: "Bildung einer Gewerkschaft." Ich überzeugte in einer kurzen Ausführung über die Notwendigkeit zur Bildung und Wahl einer Vertrauensperson, die bei etwaigen Meinungsverschiedenheiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vermitteln sollte. Die gewählte Person fand auch meinen Zuspruch. Dagegen war dessen Stellvertreter - ein intelligenter Schlepperfahrer - ein Mitglied der kommunistischen Partei. Auf jeden Fall entschied die Mehrheit, dass die "Gewerkschaft La Poza” sich einer gemäßigten Partei des Zentrums anschließen würde. Im Laufe der Zeit "beförderte" ich die beiden Schlepperfahrer von Arbeitern zu Angestellten. Das bedeutete für die beiden ein höheres Monatsgehalt und auch größeres soziales Ansehen. Als Angestellte konnten sie aber nicht mehr Mitglied der gegründeten Arbeitergewerkschaft sein. Langsam hörte der anfängliche Widerstand gegen mich auf. Mein Bestreben, gegen jedermann Gerechtigkeit zu üben, wurde mit dem Vertrauen der Mitarbeiter und ihrer Familien belohnt. Monday, August 3. 2009
Reiner Schirmer - Leben zwischen ... Posted by Heinz Wattler
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08:00
Comments (0) Trackbacks (0) Reiner Schirmer - Leben zwischen zwei Kulturen / 34Am Monatsende sah ich meinen Kollegen H. Junge zum ersten Mal wieder. Das Personal wurde am letzten Arbeitstag zum Zahltag zusammengerufen. So standen die 35 Mitarbeiter untätig vor dem Büro herum und betraten einzeln den Zahlungsort. Es war grausig, dies alles mit ansehen zu müssen. Lange Diskussionen über die geleisteten Stunden, zogen den Zahltag bis zum Arbeitsschluss hin. Dies lag unter anderem daran, daß die Stunden in Ermangelung schriftlicher Aufzeichnungen nach gut Dünken angegeben wurden. Anschließende Fragen von mir hinsichtlich Tierbestand, Viehregister, Milchunterlagen usw. fanden nur ein Kopfschütteln. Wie sollte denn ein Betrieb ohne solche Unterlagen gewissenhaft geführt werden? Ich bekam nur zu hören: ” Ich bin nicht schuldig, dass der Betrieb monatelang ohne Führung war. Zwar bin ich der Oberleiter, aber doch nur für die kaufmännische Verwaltung zuständig.“ Dann setzte er sich wieder ab in Richtung Osorno. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte! Noch lagen drei Wochen vor mir ohne die Kinder und meine zweite Hälfte, die mir in solchen Fällen immer mit Energie und Rat zur Seite stand. Am 1. August nahm ich die Zügel des Betriebes langsam in die Hand. Die ersten Veränderungen, die Einführung einer geregelten Arbeitszeit, Anwesenheitslisten, sowie einer geordneten Melkzeit stießen auf großen Widerstand bei den Arbeitern. Es dauerte Tage, eine provisorische Liste über Milchtiere und Masttiere zusammenzustellen. Immer wieder gab es Differenzen. Einmal wurden morgens 110 Kühe gemolken, am folgenden Tag waren es auf einmal 127 Tiere. Um es kurz zu machen: Alle Tiere wurden zusammengetrieben und mit nummerierten Ohrmarken versehen. So ging es dann täglich einen Schritt weiter in der Organisation dieses landwirtschaftlichen Betriebes. Langsam bekam ich eine bessere Übersicht. Trotz der Notwendigkeit weiterer Verbesserungen zog ich die Zügel bei den Mitarbeitern nur langsam an. Damit erhoffte ich mir, mit Blick auf die Landarbeiter, für später einen günstigeren Ausgangspunkt zu schaffen. Dem Erstarken des Kommunismus in Chile und dem drohenden Machtwechsel ging eine unübersehbare Polarisierung innerhalb der Gesellschaft voran. In den letzten Augusttagen holte ich meine Familie, die nach einem guten Flug mit der Lufthansa am 26.8.1967 eintraf, in Santiago ab. Es war die längste Zeit unserer Trennung nach der Hochzeit. Nachmittags besuchten wir noch unsere Compadres (Paten von Tochter Gabi), die Familie De Amesti, bei denen ja Dorlis vor unserer Hochzeit so herzlich aufgenommen worden war. Wir werden nie vergessen, wie Gudrun damals stundenlang bei der Geburt von Gabi am Bett von Dorlis gesessen hatte, die Hände haltend, und versuchte Ersatzmutter, Freundin und Vertraute in einer Person zu sein. Den Nachmittag verbrachten wir im großen Garten und fuhren mit dem Zug am gleichen Abend weiter nach Osorno. Um nach dem langen Flug richtig ausschlafen zu können, hatte ich Karten für zwei Abteile im Schlafwagen erstanden. Jeder konnte in einem Bett schlafen und ich hoffte, Dorlis somit das erneute Einleben in Chile zu erleichtern. Nach dem Kaffee im Speisewagen kamen wir Osorno immer näher, die Gegend wurde immer einsamer und das Gesicht von Dorlis immer länger. Ich war froh, daß die Kinder ein gewisser Ausgleich waren. Bei einem Halt an einer Station sagte ich : "Seht mal, dieses Haus hat große Ähnlichkeit mit unserem neuen Haus auf La Poza.“ Damit brachte ich meine Frau ungewollt vollends aus dem Gleichgewicht. Die letzten Tage in Deutschland, Abschied von der Mutter, der lange Flug allein mit den Kindern, sowie der erste Eindruck von der Einsamkeit im regnerischen, subtropischen Regenwald Südchiles im dunklen Winter. Das alles war zu viel für einen sonst immer tapferen Menschen, der erneut Heimat, Geschwister und gewohnte Umgebung für den Mann mit seinen manchmal komischen Kapriolen verlassen hatte. Monday, July 27. 2009
Reiner Schirmer - Leben zwischen ... Posted by Heinz Wattler
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08:00
Comments (0) Trackbacks (0) Reiner Schirmer - Leben zwischen zwei Kulturen / 34Max - Planck - Institut und Wohnung in Bad Kreuznach erschienen mir wie ein schöner Lebenstraum. Am folgenden Tag wünschte die sehr selbstbewusste Hausdame zum Einkauf nach Osorno zu fahren, ich als Chauffeur und der Hausbursche als Lastenträger. Als Dienstwagen stand ein Kleinlaster zur Verfügung, mit dem notfalls auch Kühe zur Auktion nach Osorno gebracht werden konnten. Somit lernte ich die Stadt und einige Geschäfte kennen. Das Warenangebot wies keinen großen Unterschied zu Deutschland auf, allerdings war alles bedeutend billiger. Ein schon seit drei Generationen in deutscher Hand befindliches Kolonialwarengeschäft wurde zum Zentralpunkt der Einkäufe. Ähnlich einem nordamerikanischen "Store" konnte man dort außer Lebensmittel auch landwirtschaftliche Gebrauchsgüter kaufen. Meine "Hausdame” Herta H. kaufte nicht zimperlich ein und erklärte mir auch, dass die Rechnungen am Monatsende vom kaufmännischen Leiter bezahlt wurden (eingeschlossen waren auch etliche Liter mit Spirituosen). Meinen Rückschluss, dass es dem Betrieb finanziell doch gut gehen müsse, behielt ich erst einmal für mich. In den ersten Wochen meines Daseins auf La Poza begrenzte ich meine Tätigkeit darauf, den Arbeitsablauf zu beobachten und mit dem Hausburschen den Betrieb abzulaufen. Eines wurde mir schnell klar, die Befehlszentrale ging von der Haushälterin aus. Mit einem Pfiff ihrer Trillerpfeife hatte der chilenische Verwalter sofort zu erscheinen, auch wenn andere, wichtigere Dinge, wie z.B. eilige Geburtshilfe zu leisten waren. Zur Bearbeitung des Gemüsegartens wurden tagelang zehn Landarbeiter abgestellt. Unser künftiges Wohnhaus wurde rund um die Uhr von einem Landarbeiter bewacht. Ich versuchte, bei meinen Besuchen im Büro einige Betriebsdaten zu erhaschen. Irgendwelche Unterlagen über Zahl der Mitarbeiter, Arbeitsverträge oder Inventarlisten von Tierbesatz und Maschinen waren nirgends zu finden. Das Fazit der ersten zwei Wochen: "Einen solch in jeglicher Hinsicht verlotterten Betrieb hatte ich noch nie übernehmen brauchen." Sehr beängstigend fand ich besonders die niedrige Arbeitsleistung und Anarchie meiner künftigen Mitarbeiter. Eine Plusseite hatte das Ganze jedoch. Wenn ich den Betrieb neu organisierte, wären auch schnell Lorbeeren von meinem Arbeitgeber in Deutschland zu ernten. |
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